Lade Inhalte...

Times mager Handarbeit

Nicht nur, wenn man just umzieht, auch sonst kann man sehr beeindruckt sein von der handarbeitenden Bevölkerung.

Elektroinstallateur
Elektriker sind sanftmütig, Fließenleger stumm und Parkettleger professoral. Foto: imago

Kollege S., gerade intensiv mit seinem bevorstehenden Umzug ins durch Glücksfälle möglich gewordene eigene Haus beschäftigt, schien sich plötzlich als Experte für das Binnenklima unter Menschen zu fühlen, die mit den Händen arbeiten, und er meinte nicht die Bedienung einer Tastatur.

Es gebe da, dozierte S. aus der eingebildeten Flughöhe des Geistesarbeiters, ganz offensichtlich einen Ehrenkodex oder gar mehrere, vor allem aber komme es zu einem Zusammentreffen der Kulturen, das sich gewaschen habe, und mit „Kulturen“ meine er nicht nur Nationalitäten, damit da kein Missverständnis entstehe, und so weiter.

Den Ausführungen von S. war immerhin zu entnehmen, dass sich je nach Gewerk und Stellung des Einzelnen eine Reihe sehr unterschiedlicher Typen begegneten. Das beginne schon bei dem Bauunternehmer („Richtung Skilehrer“) und seinem Polier („Wetterauer Sonnenschein“, und das, so Kollege S., sei keineswegs die Bezeichnung für einen Wein, den es übrigens in der Wetterau gar nicht gebe, und so weiter).

Ansonsten reiche, so S. weiter, das Spektrum vom professoralen Parkettleger über den sanftmütigen Elektriker, den sogar der Architekt zur Sicherheit duze, bis zum stummen Fliesen-Experten, der sich bestenfalls mit dem Trockenbauer einen kurzen Wortwechsel in der offensichtlich kroatischen Heimatsprache liefere, und so weiter.

Kollege S. wollte kein Ende finden, und es musste schon Kollege C. einschreiten mit dem Hinweis, ein Haus ohne Dach bei Gewitterwarnung sei auch nicht ganz ohne, um S. wenigstens kurz zu unterbrechen. Der allerdings konterte auf der Stelle, bei Kollege C. habe immerhin das Haus gestanden, so dass ein Dach überhaupt Sinn ergeben habe, aber so weit immerhin sei er, S., ja nun auch, und so weiter.

Vor allem jedoch, so S., sei dem Handarbeiter (eine Frau habe er auf dem Bau nie gesehen, außer seiner eigenen) ein ausgeprägtes Gefühl für das Verhältnis zum Auftraggeber eigen. So habe er, S., den etwas unwilligen Vertreter eines Gewerkes, das er an dieser Stelle nicht verraten wolle, mit einem heftigen „Bitte“ erfolgreich erweicht, worauf der sanfte Elektriker erstaunt geantwortet habe: „Ist es jetzt schon so weit, dass der Bauherr ,Bitte‘ sagen muss?“ Er, so S. stolz, lasse sich das Bitten allerdings auch jetzt noch nicht verbieten.

Kollege H., ebenfalls frisch beeindruckt von einer Begegnung mit der handarbeitenden Bevölkerung, rief etwas zu hastig aus, diese Menschen hätten mit großem politischem Engagement von den Tücken des „Niedrigsohnlektors“ gesprochen. Darauf S., nicht maulfaul: „Und wahrscheinlich auch von Sohnlenkungen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen