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Times Mager Gustav

Gänse haben es zum Jahreswechsel gut, sie können zum Beispiel nach Nepal ausweichen.

Gänse haben's zum Jahreswechsel gut. Sie fliegen einfach weg. Foto: Imago

Es soll Leute geben, die sich früh am 1. Januar 2000 etwas geschworen haben, und zwar sehr früh am 1. Januar 2000. Nie mehr, versprachen sie sich in die Hand und in die pfeifenden Ohren, als das Jahr 2000 gerade begonnen hatte, niemals mehr würden sie sich – krach – zu Silvester – peng – im Zentrum einer – ffffuiiiii – großen Stadt herumtreiben.

Daran hielten sie sich fortan. Mal standen sie, als anderswo die Männer einander mit Raketen beschossen, in einem Weinberg; mal saßen sie, während die Welt wie mit einer gigantischen Zündschnur von Ost nach West entflammte – nein, nicht auf dem Mond. Von dort hätte das sicher spektakulär ausgesehen. Auf einer Insel saßen sie. Aber selbst dort ballerten die Leute, als gäbe es zwei Morgen.

Warum steht das erst heute in der Zeitung? Silvester ist doch längst vorbei! Weil die Verknallten diesmal an einen besonders entlegenen Ort abgewandert sind, und von da dauert die Übermittlung der Ereignisse ihre Zeit.

Am entlegenen Ort gesellt sich ein Haus zu einem Teich, und drumherum ist: nichts. So sieht es jedenfalls im Internet aus. Vegetation. Sonst nichts. Steht man nach einer Tagesreise real davor, tauchen natürlich aus dem Nichts diverse weitere Gebäude auf, die praktisch über Nacht errichtet worden sein müssen. Auf den Fotos waren sie noch nicht einmal in Planung.

Aber sei’s drum – dies ist ja offenbar ein Naturschutzgebiet, der idyllische Teich, die ruhige Lage, die Vögel. Vier Gänse leben als Wohngemeinschaft auf dem Weiher, zwei graue, noch eine graue mit nur einem Flügel und eine dicke weiße, die selbstverständlich sofort Gustav heißt. Gemeinsam fahren sie durch ihre kleine Welt. In der Dämmerung schnattern morgens und abends zusätzliche Enten. Es versteht sich ja hoffentlich von selbst, dass dort nicht geballert wird.

Nun gibt es im Leben manch vernünftige Einsicht, und auf der anderen Seite gibt es die Tradition. Von der Partygesellschaft im Nachbarhaus verlangt diese Tradition, dass sie zunächst riesige Wunderkerzen entzündet (Zwischenstand: puh, zum Glück nur Wunderkerzen) und dann zehn, zwanzig, fuffzig Raketen sowie zwei Rauchbomben (Endstand: Deppen). Anschließend erscheint die versammelte Dorf-Intelligenz am anderen Ufer des Teichs und jagt alles in die Luft, was die Discounter der Umgebung hergaben. Kurz vor Sonnenaufgang ist der Vorrat erschöpft. Kurz nach Sonnenaufgang kommt das Räumkommando und zündet, was bei Lichte betrachtet noch zündfähig ist.

Gustav und seine Freunde tauchen erst gegen Abend wieder auf. In Nepal, erzählen sie, soll es Ende Dezember sehr ruhig sein.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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