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Times mager Goethesk

Mit pochendem Herzen die Flanke des Bergs entlang: Ein Aufstieg auf den Vesuv.

Vesuv
Nicht jeder klettert rauf zum Vesuv, zumal in „gegenwärtiger Gefahr“. Goethe tat’s dennoch. Foto: afp

Man trägt schwer, es geht steil aufwärts, man trägt schwer am eigenen Körper, man schleppt sich hinauf, wenn auch nicht auf die Art und Weise, wie Goethe es tat, der sich hinaufschleppen ließ an einem Seil, der einheimische Bergführer vorne, den Fremden im Schlepptau. Für das Seil hieß das, dass es nicht durchhing.

Im Frühjahr 1787 hielt sich Goethe in Neapel auf, die Absicht, den Vesuv zu besteigen, um den Vulkan genauer in Augenschein zu nehmen, war ausgemachte Sache. „Rekognoszieren“ nannte das der Naturforscher, der den Aufstieg nicht nur entschieden anging, sondern verdammt unerschrocken, wie man das wohl so machte zur Goethezeit.

Rund 200 Jahre liegt sie zurück, eine halbe Ewigkeit, in der der Berg sich verändert hat, weil er mehrfach explodiert ist, allerdings seit 1944 Ruhe gibt. Aber da sagt man was, da sagt man besser nicht zu viel oder sagt vielleicht besser: relativ Ruhe gibt, auf jeden Fall nicht mehr raucht, wie man sieht, während man den Berg hinaufschnauft. Noch rasch ein Schluck aus der schnellen Pulle, noch fix ein Schnitz vom Powerriegel, damit man als Aufsteigender nicht so durchhängt. Beinahe eine goetheske Situation.

Man schleppt sich hinauf, mit pochendem Herzen die Flanke des Bergs entlang, wegen der körperlichen Anstrengung, nicht so sehr wegen einer gewissen Anspannung. Denn der Berg, der ruht, rumort im Verborgenen, das allerdings unter Aufsicht, rund um die Uhr wird er rekognosziert durch ausgeklügelte Instrumente. Sonden sind eingelassen worden in den Berg, was sie erfahren, geben sie weiter an Fachleute, die die Daten auswerten. Von Satelliten aus wird der Berg beobachtet. Jede seiner Regungen wird festgehalten, sieh mal an! Aber man sollte jetzt nicht so viel reden, das kostet nur Kraft.

Trotz „gegenwärtiger Gefahr“ hatte sich Goethe 1787 von Einheimischen bis an den Kraterrand hinaufziehen lassen – und damit nicht genug. Denn dort einmal angekommen, wollte er auch in den Schlund hinabsteigen. Kaum den Gedanken gedacht, war er dem Vesuvführer auch schon mitgeteilt, kaum war es ausgesprochen, war es auch schon getan, trotz „gegenwärtiger Gefahr“.

Goethe hat es, als er über seine Vesuvbesteigung schrieb, spannend gemacht. Das Genie hatte sich, während Dämpfe aufstiegen und Gestein herumprasselte, aus Sorge um seinen Kopf die Kopfbedeckung ausgestopft. (Wie das wohl aussah: goethesk?)

Helme waren noch nicht zur Hand. Goethe aber hatte auf alles eine Antwort, zumal in „gegenwärtiger Gefahr“. Goethe hatte sogar für alles eine Erklärung. Und ein grenzenloses Vertrauen, dass den Vulkan, dessen Welt, während er sie inspizierte, irgendetwas im Innersten zusammenhält.

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