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Times mager Giftmorde

Einst war die größte Herausforderung, ein Mammut von einem Wirsing zu unterscheiden. Heute ist es die Erinnerungen-App.

Knoten
Die Erinnerungs-App von einst: der Knoten im Taschentuch. Woran man sich aber erinnern sollte ...? Glatt vergessen. Foto: Imago

Vorgestern klappte jemand eine Ecke seiner Serviette um, dazu die Worte: „Dann erinnern wir uns nach dem Essen dran.“ Jetzt seien Sie bitte so gut und fragen nicht, wer das war, wann und vor allem: woran. Das alles kann heute kein Mensch mehr wissen, kein Jäger schießen, jedenfalls nicht ohne Erinnerungen-App.

Wie haben sich die Menschen früher gemerkt, was sie den ganzen Tag tun müssen? Ohne Technik? Wie planten sie eine ganze Woche? Wie konnten sie Mitte Juli freihändig das Rundschreiben des Chefs beantworten, an welchen Tagen im August sie für den Spätdienst eingeteilt sein wollen?

In jenen Zeiten, als die größte Herausforderung im Tagesablauf darin bestand, ein Mammut von einem Wirsing zu unterscheiden, vor dem Richtigen abzuhauen und das andere zu essen – damals war es nicht so wichtig, einen Kalender zu führen. Es gab, soweit wir wissen, bis dato keine Spätdienste; die Gewerkschaften hatten nicht einmal die Sonntags-
arbeit auf ihrer Not-to-do-Liste.

Später war in Gesellschaftsromanen die Rede von Knoten, die man in seine Taschentücher machte, um sich wichtiger Sachen zu erinnern. Aber wenn der Knoten wieder auftauchte – wie wusste man, woran er gemahnte? Gab es nur eine einzige Sache, die in Vergessenheit zu geraten drohte? Was, wenn die Nase nicht lief? Vielleicht diente der Knoten einzig dazu, das Anlegen des Schlafanzugs nicht zu verpennen.

Lachen Sie nicht. Selbst heute, in Zeiten des Smartphones und seiner lebenswichtigen Erinnerungsfunktion, kommt es zu Notlagen, in denen der Mensch belämmert auf den kleinen Bildschirm starrt und sich selbst vorliest: „,Giftmorde?‘ Hä?“

Ehrlich. Der Smartphone-Nutzer hatte morgens, einer plötzlichen Eingebung folgend, den Begriff „Giftmorde“ notiert, in halsbrecherischer Manier, während er am Fluss radelte. Das wusste er noch, als abends plötzlich „Giftmorde“ aufploppte, begleitet von einem kurzen Tusch. Hä? Möglich, dass es sich um ein potenzielles Times-mager-Thema handelte; schade eigentlich. Eher unwahrscheinlich, dass der, äh, Noteur (Notar? Notierer!) sich selbst ermuntern wollte, ein paar Leute mit Eisenhut, Schierling, Engelstrompete aus dem Weg zu räumen. Die Erinnerungen-App enthielt am Stichtag 24 unerledigte Einträge, manche schon im Vorjahr verfasst, darunter „Blumen“, „Freistellungsauftrag“ und „Siouxsie“. Wer soll bei alldem wissen, was das einst heißen sollte?

Auch heute noch gibt es übrigens Leute, die ohne Kalender die Spätdienstfrage beantworten (bzw. gar nicht) und einfach weiterleben. Aber die stehen dann halt zweimal im Monat morgens strahlend in der Redaktion, bis sie jemand fragt, was sie hier machen, fünf Stunden zu früh.

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