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Times mager Gesellschaft

Das übergeordnete Problem: Wie kommt dieses Geschöpf in meine Badewanne?

Badewanne
Oh Graus! Eine Hauswinkelspinne in der Wanne? Foto: Imago

Ach so, ja, und dieses Gefühl, urplötzlich nicht mehr allein zu sein, oder? Gab’s früher schon, nur anders. Beispielsweise im Zusammenhang mit Langspielplatten, die jugendliche Zuhörer bekanntlich noch in Zustände enormer Euphorie versetzen konnten.

Der jugendliche Zuhörer saß in seinem Jugendzimmer, die Plattenhülle auf dem Schoß, sang mit, denn man war ja allein in der Wohnung, rannte zwischendurch schnell in die Küche, Nutellabrot oder was auch immer, Glas Milch, keine Ahnung, Snickers, Bifi, und sang beim Küchenrennen lautesten Halses weiter die beglückenden Lieder mit, um auf dem Wohnungsflur festzustellen: Uppsala, ein Erziehungsberechtigter hat das Gebäude betreten. Und alles brühwarm mitgehört. Womöglich auch schon vor zehn Minuten das vokal intonierte Gitarrensolo. Das vokal intonierte und vor allem: leidenschaftliche Gitarrensolo.

Etwaige vergleichbare Situationen: Beschimpfung des abwesenden Chefs vor Kollegen, während aus dem abwesenden gerade der anwesende Chef wird; Toilettenbesuch in der Mitte eines langen Waldspaziergangs ohne Toilette, aber mit spontan aus den Pilzen gewachsener Wandergruppe; Tauchgang im lauschigen Waldsee, und die Wildschweine fressen am Ufer deine Klamotten; Lästerei über Telefongesprächspartner nach dem Auflegen, aber Hörer nur halb auf der Gabel, etc.

Nicht unbedingt vergleichbare Situation: Duschbad in der eigenen Wohnung und das unangenehme Gefühl, die Wanne mit jemandem zu teilen. Es ist ein Phänomen des Übergangs vom Sommer in den Herbst, dass Wesen an uns herantreten, die uns nicht unbedingt gebetene Gäste sind. Sie haben acht Beine. Sie werden uns nicht fressen, jedenfalls nicht, solange wir noch ab und zu ein Körperteil bewegen oder zwei. Aber je größer sie sind, desto weniger vertrauen wir darauf.

In diesem Fall ist die monströse Erscheinung, nennen wir sie ruhig beim Namen, die Hauswinkelspinne, so groß, dass die Frage im Raum steht, also im Badezimmer, wer jetzt hier wen beim Duschen stört. Die Atmosphäre gewinnt nicht direkt an Behaglichkeit durch die Erkenntnis, dass wir beide nackt sind. Womöglich erwartet sie, dass man sie einseift und später abtrocknet.

Aber das übergeordnete Problem, die kulturtheoretische Fragestellung lautet doch immer noch: Wie kommt dieses Geschöpf in mein Badezimmer? Vom gekippten Dachfenster wäre es nicht in die Wanne gefallen, sondern daneben. Bleibt eigentlich nur der Abfluss. Schiebt dieses Tier etwa das bleischwere Haarsieb zur Seite? Wenn ja, wird es irgendwann auch die Schlafzimmertür öffnen und meinen Pyjama anziehen. Okay, immer noch besser als ein Wildschwein.

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