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Times mager Gaalern

Es gibt Wörter, mit denen ist man plötzlich in einer anderen Zeit und anderen Welt.

Oh, wie schön ist Panama
Sie gaalern halt gerne: der Kleine Bär und der Kleine Tiger mir der Tigerente. Foto: imago

Im Wartezimmer. Beim Hausarzt. Kleiner, weit abgelegener Stadtteil. Letzter praktischer Arzt weit und breit, der noch geblieben ist. Einziger, der noch die Geduld hat mit den Leuten.

Oft sieht man den Medizinmann durch die Gegend schlendern und alles genau inspizieren. Auf dem Weg zum Hausbesuch bei einem gebrechlichen Mitbürger. Aber ohne Arztkoffer. Früher traf man ihn mittags im Laden des türkischen Obsthändlers, in eine Ecke gemütlicht, Tasse Tee in beiden Händen, genug Zeit für alles und jeden offenbar. Als der türkische Obsthändler noch seinen Laden hatte.

Im Wartezimmer beim Hausarzt sitzen Bedrückte und Verschnupfte. Die lediglich Verschnupften betrachten gern die Kinderecke mit den Malbüchern und Malstiften, vor allem wegen des Gemäldes an der Wand. Es zeigt ein grünes Sofa, es lockt zurück in eine andere Zeit.

Neben dem grünen Sofa ist ein blauer Regenschirm abgebildet. Von der Decke hängen: ein Riesenchampignon, eine Glühbirne, eine mehrfach gekeimte Zwiebel, ein halbes Spinnennetz. An der Wand prangt, ohlala!, das Bild einer halb nackigen Dame in eleganter Pose. Auf dem Boden führt der kleine Frosch die Tigerente spazieren, rechts und links liegen die Sofakissen wild verstreut, und wer war das? Na klar: der kleine Bär und der kleine Tiger, die auf dem Sofa gaalern.

Ja – gaalern, und da sind wir plötzlich in der anderen Zeit, in einer Welt, in der man kichernd über der Sofalehne hing und die Erwachsenen gutmütige Bemerkungen machten. Gaalern: scherzend herumalbern oder herumbalgen (Hessisches Wörterbuch); galern: scherzen, lachen, sich herumbalgen, mutwillig ringen, viel u. dumm schwatzen (Rheinisches Wörterbuch).

Mahnende sind in dem Zusammenhang stets die Großmutter und die Frau Mama (lächelnd): „So, Kinner, genuch gegaalert!“ Wer gaalerte, der welljerte sich auch meist irgendwo. Welljern: herumrollen, wälzen; aber auch: Teig ausrollen.

Wo gegaalert und gewelljert wurde, war die Welt aber mal so was von in Ordnung. Regelmäßig folgte, besonders nach inhäusiger Gaalerei, alsbald die Aufforderung: „Jetzt aber raus mit der Maus an die Frühlingsluft!“

Für die lediglich Verschnupften war das Gemälde im Wartezimmer deshalb schon die halbe Genesung. Aber auch Hausärzte müssen mal renovieren, und danach fand der Doktor, das Bild passe nicht mehr so gut, außerdem müsse man auch mal etwas verändern. Nun welljern Bär und Tiger anderswo. Der praktische Arzt wusste da einen Patienten, der ihnen gern dabei zusieht.

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