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Times mager Fünf Freunde

Am heutigen Montag vor 75 Jahren erschien in England der erste Band der zweitbesten Reihe von Enid Blyton.

Junge schmiert Brot
Sanfte Modernisierungen - zum Beispiel, Jungen, die Brote schmieren - seien nicht so gut angenommen worden, so der englische Verlag Foto: imago

Die Deutsche Presse-Agentur, der nicht viel entgeht, hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass heute vor 75 Jahren der erste Band der Reihe „Fünf Freunde“ auf Englisch („The Famous Five“) erschienen ist: „Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel“ („Five On a Treasure-Island“). Das ist schon für sich eine Nachricht wert, da ja kein vernünftiges Kind die Serien von Enid Blyton (1897–1968) auf ihren historischen Gehalt hin liest. Man selbst ist ein Kind, die Hauptpersonen im Roman sind ebenfalls Kinder, die Erwachsenen gehören einer anderen Sphäre und Spezies an. Das ist genug und aufregend. Später stellt es sich komplizierter dar.

Denn dies ist das wahre Rätsel der Schriftstellerin Enid Blyton: Warum liest ein Mädchen so wahnsinnig gerne ihre Bücher, wenn Hanni, Nanni, Dolly, Dina, Lucy, Anne und letztlich sogar George ihr auf die Nerven fallen? Wenn sie längst begriffen hat, dass sie gewiss nicht in ein Internat will? Und dass Dina das Stereotyp einer dummen Kuh ist – um dies zu erkennen, muss man noch lange nicht wissen, was ein Stereotyp ist –, Lucy das eines kleinen Angsthasen und Anne das einer todlangweiligen Trulle? Und dass alles, was wirklich wesentlich ist, von den Jungs erledigt wird, während die Mädchen, sofern es ihnen gelingt, ihre altklugen Bedenken und quietschigen Ängste zurückzustellen, einen Imbiss vorbereiten? Tatsächlich kann man darüber nicht nur hinwegsehen, sondern es sogar gar nicht mitbekommen. Dafür ist unter anderem George da. Auch George ist ein Mädchen, aber sie ist das berühmte Mädchen, das ein Junge sein will. Eigentlich stimmt es nicht, dass einem George auf die Nerven fällt. Da man die „Fünf Freunde“-Reihe, nach (!) der „Abenteuer-Reihe“ die beste Serie Enid Blytons, immer gleich wieder von vorne beginnt, wenn man durch ist, wirken nur die pflichtgemäßen Eingangserläuterungen gleichförmig. Sieht aus wie ein Junge, trägt das Haar wie ein Junge, will für einen Jungen gehalten werden und so weiter.

Ist die „Fünf Freunde“-Serie wirklich die beste nach der „Abenteuer“-Serie? Ja, selbstverständlich, woran dachten Sie denn? Die „Geheimnis“-Serie? Die „Rätsel“-Serie? Na ja.

Warum nimmt das Mädchen hier also hin, was es dort draußen nicht akzeptieren würde. Erstens: Sie lernt auf diese Weise früh, sich mit Menschen zu identifizieren, die anders sind als sie. Jungs. Später lächelt sie milde, wenn ein Mann sich nicht in eine Frauenfigur hineindenken kann oder einen Schriftsteller lobt, dem dieses gelang. Zum Mädchenleben gehört das wie ein mit Blümchen & Totenköpfen verzierter Stundenplan. Zweitens: Kinder sind konservativ. Sanfte Modernisierungen – Jungen, die Brote belegen, Verzicht auf die Androhung einer Tracht Prügel – seien nicht so gut angenommen worden, zitiert die dpa den englischen Verlag. Der Konservatismus von Kindern ist aber ästhetisch-privat und vergeht im Allgemeinen nach der Pubertät.

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