Lade Inhalte...

Times mager Früher

Das Älterwerden zeigt sich an vielen Stellen, aber nicht in Ruth Berghaus’ großartiger „Pelleas und Melisande“-Inszenierung.

Ruth Berghaus
Theaterregisseurin Ruth Berghaus hat einen unerwarteten Umgang mit sexueller Übergriffigkeit in ihrer Inszenierung. Foto: Imago

Das Älterwerden spürt man auch, wenn der Praktikant noch nicht geboren war, als Ruth Berghaus’ „Pelleas und Melisande“ an der Berliner Staatsoper Premiere hatte. 27 Jahre später bleiben die Oper und die Inszenierung weiterhin beinhart dabei, dass weder das Alter noch die Jugend vor der abgrundtiefen Traurigkeit des Lebens bewahrt, in dem wenig Glück, keine Hoffnung und kein Gott ist. Das ist das eine.

Das andere ist, dass man lange, sehr lange suchen muss, um ein Bühnenbild wie das von Hartmut Meyer zu sehen, das auf den ersten Blick unverfänglich expressionistisch und ausreichend bestuhlt wirkt und auf den zweiten entsetzlich ausweglos und leibhaft. Leibhaft im Sinne von organisch. Wer hier geht, hockt und klettert, der kann zwar aus dem Blick geraten, aber keiner wird glauben, dass dort hinten Erfrischungen gereicht werden. Vielmehr ist hier jeder gefangen in einem Raum, in dem sich nicht zufällig eine freudlose Schwangerschaft abspielt. Man sieht nicht nur eine gigantische Pappmachékugel, sondern bald auch Melisandes quälenden Kugelbauch, und dann sieht man eine Babypuppe, wie sie ohne Arg und ohne Liebe weitergereicht wird.

Das Dritte und am wenigsten Erwartete ist, wie die 64 Jahre alte Ruth Berghaus mit dem 1991 noch lange nicht so genannten Thema der sexuellen Übergriffigkeit umging. Melisande wird betatscht und muss unterm Deckmäntelchen der Hilfestellung im unbequemen Gelände die Beine spreizen. Aber das geschieht alles gespenstisch nebenbei, ehe man sich versieht, und sie selbst könnte in einem Prozess kaum deutlich machen, was ihr angetan worden ist. Selbst die Zuschauerin denkt immer wieder, sie hätte sich verguckt, sie hätte etwas missverstanden. Es läuft so mit in den verrätselten (und keinesfalls humorlosen) Berghaus-Bildern.

Vorab im Nikolaiviertel weiß der Kellner nicht, wann der betreffende Hof, gar nicht organisch, wieder aufgebaut worden ist. Er begründet das damit, dass er zur Wendezeit noch nicht auf der Welt gewesen sei. Das ist eine Erklärung, die im Abitur wohl nicht gegolten hätte, aber davon erzählt, dass der Kellner an diesem Ort vermutlich häufiger Auskünfte über eine Zeit geben soll, die er nicht mehr bereit ist als seine eigene zu betrachten. Häufiger ja ein Problem älterer Leute. Auch der Kellner hat einen Bart, der insgesamt erneut eine Generation übersprungen hat. Eine interessante Taktung, wie sich allmählich zeigt. Einer der Toten in Robert Seethalers „Das Feld“ (in Kürze mehr dazu) stellt fest: „Wenn man alt ist, beginnt man zwar, hin und wieder etwas zu verstehen, aber es nützt einem nichts mehr.“ Und nicht einmal darauf kann man sich verlassen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen