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Times mager Fröhlichkeit

Die Leipziger Buchmesse ist fröhlicher, die Frankfurter professioneller. Das merken Besucher schon im Zug.

Fahrgäste in einer S-Bahn
Freizeitfahrer oder Pendler - der Unterschied zeigt sich am Wissen um die Position der Lichtschranke. Foto: imago

Die Leipziger Buchmesse gefällt sich im Prinzip darin, fröhlicher zu sein als die Frankfurter. Die Frankfurter fühlt sich dafür professioneller. Es stimmt, selbst das Stumpen und Drängeln findet auf der Frankfurter Buchmesse professioneller statt, die Zustände im Pendlerzug vor und nach 9 Uhr haben in Frankfurt und Leipzig ihre Pendants. Wem persönlich eher professionell ums Herz ist als fröhlich,  wird schauen, dass er vor 9 im Zug sitzt bzw. natürlich steht. Niemand stumpt und drängelt stiller und effizienter, effizienter für alle Beteiligten, als der Frankfurter Messebesucher und der Pendler vor 9. Letzterer weiß zudem, wo sich die Lichtschranken befinden, in welchen sich Freizeitler, Rentner und Klassen fröhlich tummeln.

Professionalität ist aber insgesamt kein Qualitätsmerkmal, sondern bloß ein Merkmal. Fröhlichkeit ist ebenfalls kein Qualitätsmerkmal, sondern bloß ein Merkmal. Fröhliche private Reisegruppen nach 9 Uhr können umgekehrt proportional verlaufende Stimmungskurven beim Zuschauer verursachen. Anscheinend gibt es sogar nichts Ärgerlicheres als eine Fröhlichkeit, die einem nicht in den Kram passt.

Ah, doch, es gibt doch etwas Ärgerlicheres. Dort drüben ist schon wieder der Mann, der vorgestern so schlechte Laune hatte, dass er nicht nur grimmig schaute, sondern am laufenden Band fröhliche Leipziger Buchmessenbesucher abfertigte, die sich auf den freien Platz neben ihm setzen wollten, bis er endlich seinen zweifellos nur zufällig eingesammelten FAZ-Beutel auf den Platz neben sich legte, nein, haute. Dies spielte sich immerhin in der heißen Phase vor der Verleihung der Leipziger Buchpreise ab, in der Sitzplätze knapp sind (ein Euphemismus). Der Mann guckte nicht, er stierte, er war gerötet unterm weißgestruppten Bart. Zwischendurch erschien seine Frau, die durch Problemhaar einen etwas jammervollen Anblick bot, aber im zweiten Anlauf für sich einen Apfelsaft und für ihn ein Weißbier hatte beschaffen können. Da die beiden kein Wort wechselten, blieben die Hintergründe dieser Apoplexie befördernden stummen Wut verschlossen. Stumm nahm der Mann die fröhliche Preisverleihung hin, dann gingen die beiden noch vor der beliebten Belletristikkategorie fort.

Es war dies alles ein Anblick, der durch Mark und Bein ging und seinerseits Zorn und Verzweiflung über den sittlichen Zustand der immerhin die Buchmesse aufsuchenden Menschheit hervorrief. Gestern hatte die Stimmung des Mannes noch keinen Aufschwung erfahren. 

Längere Zeit wollen wir kein hämisches Wort über Rentner verlieren, die in Lichtschranken fröhlich sind und nicht jeden Pieps persönlich nehmen.

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