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Times mager Frauenlob

„O bin ich doch der Meister über sie alle“: 700 Jahre Frauenlob.

Straßenschild
Eine Straße in Berlin wurde nach Frauenlob benannt. Foto: imago

Über den Dichter Frauenlob weiß man nicht allzu viel, kennt aber den genauen Todeszeitpunkt. Vor ein paar Tagen lag er genau 700 Jahre zurück. Frauenlobs Ruhm beruht nicht zuletzt darauf, dass sein Künstlername ihn den Frauen sympathisch und den Männern interessant machte. Dass Frauenlob vor allem die Jungfrau Maria im Sinn hatte, geriet bald aus dem Blick. Man stellte sich vor, wie bei seiner Beerdigung die weiblichen Trauergäste von nah und fern anreisten. Ludwig Bechstein weiß in seiner Rheinsage „Heinrich Frauenlobs Begräbnis“ auch, dass Frauenlobs Gesang einmal ihm auflauernde Mordbuben zur Gänze besänftigte. Mit Kollegen hingegen ließ er sich absichtlich auf Händel ein, etwa durch seine berüchtigte Selbstpreisung. Aus ihr geht hervor, dass Leute wie Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide einst als Dichter und Sänger total an der Oberfläche blieben, anders als nun Frauenlob. „Zu kezzels grunde gat min kunst“, „vom Boden des Kessels stammt meine Kunst.“

Hui, dieser Satz fliegt ihm noch 700 Jahre später um die Ohren. Während man noch darüber staunt, wie selten hierfür ein Rollenspiel des Autors oder Übertreibung als Stilmittel überhaupt in Erwägung gezogen wurden. Frauenlob galt nun als eitler Fatzke. Scharfe Frauenlobschelten ziehen sich vom 19. Jahrhundert bis tief ins 20. und beziehen sich auf seine schwierig zu entschlüsselnden Verse. Das „esoterisch Geschraubte“ treffe auf „das Banale“, so der große Max Wehrli.

Die Nervosität war so groß, dass Frauenlob lange Zeit gemeinhin für gestört gehalten wurde. Hierzu am schönsten der Germanist Ludwig Pfannmüller 1913 (ein Jahr, bevor er am Anfang des Ersten Weltkriegs umkam): „Aber was die Beschäftigung mit Frauenlob durchaus nur für kürzere Zeit zulässt, das sind die offenkundig pathologischen Züge des Dichters. Wo ehrliche Arbeit zu tun ist, da scheut niemand zurück.“ Wem aber gelinge es, „sich durch forcierte Selbstentäußerung in einen Zustand zu versetzen, der ihm ermöglicht, alle Ideen und Gedankenassoziationen eines nicht völlig normalen Gehirnes nachzudenken?“ Pfannmüller entging dabei nicht nur die mögliche Ironie eines Autors im Spiel mit seiner eigenen Rolle, es entging ihm auch die Ironie, dass ausgerechnet er, der eine philologische Annäherung an den Marienleich versuchte, in dieser Generalberurteilung alle wissenschaftliche Zurückhaltung und Gelassenheit fahren ließ.

Natürlich erzählt seine Einschätzung auch davon, wie rasch Hirndefekte angenommen werden, wenn jemand nicht ins Raster passte. Und schließlich erfährt man etwas darüber, dass die Germanistik auch in den guten alten Zeiten gelegentlich mit Wasser kochte. Anders, wir haben es gesehen, als Frauenlob, „o bin ich doch der Meister über sie alle“.

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