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Times Mager Flott

Nach einem Friseurbesuch möchten Kundinnen immer flott aussehen. Es wäre gut, wenn sie Segelschiffe wären.

Nowosibirsk
Haarschnitt mit der Axt: Auch in Nowosibirsk muss man einiges unternehmen, um international bekannt zu werden. Foto: Screenshot Youtube

Danil, lesen wir mit Interesse, ist einer der bekanntesten Friseure von Nowosibirsk. Schon vor Jahren machte er auf sich aufmerksam, weil er jungen Models im Zuge aufwendiger Shows die Haare mit einer Axt schneidet, sie also de facto abhakt.

Auf den reichhaltig im Netz kursierenden Fotos und Videos sieht man, dass er dabei auch klassische Friseurtechniken des hurtigen Abstufens und Ausdünnens anwendet. Die jungen Models legen dafür zunächst ihren Kopf auf ein elegantes Teil, bei dem das Publikum aber letztlich an einen Hackklotz denken soll. Die ganze Situation ist mittelalterlich aufgemotzt, man trägt Kutte und hört MA-Pop, und offenbar reicht die Nähe von Hals und Axt absolut dazu aus, die Zuschauenden kichern und quieken zu lassen.

Danil trägt zuweilen eine rote Henkerskapuze (also das, was man sich in Nowosibirsk darunter vorstellt und durchaus auch in hessischen Redaktionsstuben), aber nicht mehr, wenn es an den Feinschnitt geht. Es soll ja nach was aussehen, wenn man hinterher auf die Straße tritt. Im Endresultat kann man sagen, dass durchgestufte Langhaarschnitte dabei herauskommen, die im Nowosibirsker Jetset offenbar gerne getragen werden.

Man darf sich die Nowosibirsker Friseursszene auf keinen Fall provinziell vorstellen. Auch wenn es sich bei Danils Darbietungen zweifellos um eine Geschmacksentgleisung handelt, wird sein Salon auch von auswärtigen Kundinnen gerne besucht. Es ist logisch, dass man auch als Friseur in Nowosibirsk einiges unternehmen muss, um überregional bekanntzuwerden. Die meisten Leute gehen ja eher zum Friseur um die Ecke.

Aber wie sind wir denn jetzt darauf gekommen? Es könnte damit zusammenhängen, dass der Friseur um die Ecke neulich gesagt hat, das sehe doch jetzt wieder flott aus. Es ist wirklich schwer zu beurteilen, ob jede Kundin, die einen Friseursalon besucht, hinterher wieder flott aussehen möchte. Nicht nur, weil sich natürlich die Frage anschließt, wie es denn vorher aussah. Gut wäre es sicher, wenn die Kundin ein Segelschiff wäre oder wir das Jahr 1955 schrieben.

Wenn man in diesem Fall hingegen das Alter des Friseurs und seine avantgardistische Barttracht einbezieht – selbst in einer Gesellschaft, in der die Bärte wachsen wie seit Kaisers Zeiten nicht mehr –, steht zu befürchten, dass er den Eindruck hat, genau dieser Kundin gegenüber genau dieses Adjektiv verwenden zu sollen. Da ist die Kundin aber nicht sehr froh drüber und schlägt daheim mal nach. „Beschwingt, dynamisch, flockig, lebenslustig, schwungvoll, fetzig, kess, sportiv, appetitlich, schnuckelig, sonnig ...“ Wir schneiden das hier mal frustriert ab, geht aber noch lange so weiter.

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