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Times mager Fang mich

Teppiche aus möblierten Zimmer entfernen zu wollen gleicht einer Ausnahmesituation. Erstaunlich, welche längst vergessen geglaubten Schimpfwörter einem durch den Kopf gehen - zum Beispiel „Eierloch“.

Teppich unter einem Couchtisch
Ein Teppich oder ein voll möbliertes Zimmer mit den schlimmsten aller erhältlichen Schimpfwörter zu belegen wäre des Guten zu viel - „Eierloch“ hat da schon eher seinen Reiz. Foto: imago

Im Bestreben, unsere Welt immer ein bisschen besser zu machen, wollen wir an dieser Stelle der Zeitung das ganz große Rad drehen und stets die entscheidenden Fragen des Lebens thematisieren. Aktuell war dazu aber eine kurze Rückversicherung nötig, per E-Mail, die noch ihrer Beantwortung harrt, so dass heute nur die momentan zweitwichtigste Frage des Lebens zur Verfügung steht: Wieso eigentlich Eierloch? 

Der Themenkomplex Eierloch rückte beim Versuch, einen Teppich aus einem voll möblierten Zimmer zu entfernen, in den Fokus. Ganz erstaunlich, welche längst vergessen geglaubten Schimpfwörter dem Menschen in derlei seelischen Ausnahmesituationen durch den Kopf gehen. 
Natürlich ist Eierloch keine über die Maßen insultierende Schmähung. Besonders wenn man sich vor Augen hält, dass frühere Beleidigungsformeln in Anlehnung an den Ödipus-Mythos heute locker als kumpelhafte Kosenamen durchgehen. Nein, nicht Vatermörder. Das andere Ödipus-Motiv.

Die Rockstars des 21. Jahrhunderts fassen bei Auftritten gern ihr gesamtes Publikum unter dem Sammelbegriff Motherfuckers zusammen – und meinen es durchaus freundlich. Das hätte es bei Udo Jürgens nicht gegeben. Überhaupt findet der zweite Teil dieses Kompositums mittlerweile in jedem Zusammenhang partizipiale Verwendung, ob gut oder böse, egal, Hauptsache fucking crazy (Praxisbeispiel). Eine bedenkliche Entwicklung, wenn Sie Freunde der gepflegten Sprache fragen. Vielleicht gelingt es wenigstens, das Ganze im englischen Gehege zu halten. 

Aber zurück zum großen übergeordneten Thema. Selbstverständlich wäre es der Situation nicht angemessen, einen Teppich, ein voll möbliertes Zimmer oder einen Staubsauger mit den schlimmsten aller erhältlichen Schimpfwörter zu belegen. Man muss da als offiziell vernunftbegabtes Wesen schon Abstriche machen, und so ein Eierloch hat in dem Zusammenhang einen gewissen Reiz.

Es nimmt der Situation ein wenig die Schärfe, denn es führt auch zurück in die Zeit, als derjenige standardmäßig ein Eierloch geheißen wurde, dem es oblag, eine oder mehrere andere Personen beim fröhlichen Spiel zu fangen. Ein Schimpfwort also, geeignet, das Gegenüber anzustacheln, aber nicht ad extremum gegen sich aufzubringen.

Und gut brauchbar, um Jahrzehnte später ein Lächeln der Nachsicht zu gewinnen über den vergleichsweise milden Schlamassel, in dem man sich gerade befindet.

Die richtig fiesen Kraftausdrücke gilt es im Übrigen für später aufzuheben, wenn man den verkloppten Teppich wieder ins voll möblierte Zimmer hineinkriegen muss. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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