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Times mager Emily Brontë

Soll Emily Brontë eine gemeine Liese gewesen sein und nicht das genialische Naturkind, als das ihre Schwester Charlotte sie darstellte? Sie steht jedenfalls im Zentrum des diesjährigen britischen Sommers.

Szene aus „Wuthering Heights“
Szene aus „Wuthering Heights“ nach Emily Brontë anno 1939. Foto: imago

In Großbritannien, wo etwas niveauvolle Abwechslung gewiss nottut, beschäftigt sich der literarisch interessierte Teil des Landes in diesem Sommer mit der Schriftstellerin Emily Brontë. Sie wurde am heutigen Montag vor 200 Jahren als fünftes Kind einer später berühmt gewordenen Geschwisterschar geboren. Mit 30 Jahren starb sie, diesmal war sie die vierte von insgesamt sechs – fünf Töchtern, einem Sohn –, die der Vater und Witwer bekanntlich überlebte.

Rund um die drei schreibenden Schwestern, Charlotte, Emily und Anne, die sich männliche Pseudonyme gaben und bis auf Charlotte (die 38 wurde) ihren Ruhm kaum noch miterlebten, kam es zu Mystifikationen und Irritationen. Einerseits saßen sie in Yorkshire fest, andererseits in einem belesenen Pfarrhaushalt. Einerseits gab es beruflich kaum eine andere Aussicht, als Gouvernante zu werden, andererseits lernten sie zwischenzeitlich in Brüssel die große weite Welt kennen. Einerseits kamen sie als Schriftstellerinnen aus dem Nichts, andererseits schrieben sie keine Anfängerbücher. Über Emily Brontës „Wuthering Heights“ kann sich nur endlos wundern, wer die Existenz der Schwarzen Romantik, des Schauerromans und des Melodrams nicht zur Kenntnis genommen hat.

Man wusste und weiß wenig, man meinte und meint viel. Ulkig, dieser Tage im „Guardian“ zu lesen, dass Emily als Erzieherin in Brüssel den ihr schutzbefohlenen Mädchen ungünstige Zeiten für den Klavierunterricht auferlegt habe, weil es ihr selbst besser zupass gekommen sei. Eine der Ex-Schülerinnen habe fünfzig Jahre später erklärt: Ich konnte sie von Anfang an nicht leiden. Ach, echt? Sollte Emily Brontë eine gemeine Liese gewesen sein und nicht das genialische Naturkind, als das ihre Schwester Charlotte sie darstellte? Dass die Autorin von „Wuthering Heights“ im Grunde nicht gewusst habe, was sie da schreibe, ist sicher eine bizarre Schutzbehauptung gegen – ebenso bizarre – moralische Vorhaltungen. Aber ist das bizarrer als der 2018 implizierte Vorwurf, Emily sei eine egoistische und unbeliebte Lehrerin gewesen?

Wie nun weiter? Am heutigen Feiertag könnte man sich zum Beispiel Monty Pythons Sketch mit der Fahnensignal-Version von „Wuthering Heights“ anschauen. Der die verbotenen Gefühlsstürme zum Ausdruck bringt, und auch ihre unleugbar bescheuerte Seite. Wenn man aufgehört hat zu lachen, könnte man wieder anfangen, den Roman selbst zu lesen und über die ausgefeilte, hochwertige Frauenfantasie zu staunen, die sich darin nur halb verbirgt und ihn zum Kassiber für Leserinnen in aller Welt macht. Spannung bleibt im Spiel, wenn es um die Brontës geht, und am schönsten ist es, sie auszuhalten.

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