Lade Inhalte...

Times mager Eisleguane

Eine Frage traf ein per E-Mail zur rechten, der nachdenklichen Jahreswechsel-Zeit: Mochten Sie sich kennenlernen?

Secret Service
Wie steht es um die Vertrauenswürdigkeit von Secret-Service-Agenten? Verteilen sie auch bröselkleine Abhörgeräte in Betten? Foto: rtr

Der Jahresanfang ist die richtige Zeit, um philosophische E-Mails zu erhalten, in denen zum Beispiel steht: „Mochten Sie sich kennenlernen?“ Absender war eine Lyudmila, und sie traf – womöglich, ohne es zu ahnen – den Nagel auf den Kopf: Denn wer mochte sich nicht spätestens am 7. Januar 2018 endlich selbst kennengelernt haben? Wenn es schon 2017 weder mit dem äußeren (Abstellkammer, Kleiderschrank, Steuerunterlagen von, gefühlt, 1953) noch inneren (virtuelle Rumpelkammer, Vorrat an guten Vorsätzen, Ordner seit dem sechsten Lebensjahr abgelegter Pläne) Ausmisten geklappt hat, dann doch wenigstens zu diesem, dem, gefühlt, 127. absolvierten Jahreswechsel.

Aber wo anfangen, wenn man sich mit sich bekannt machen will? Berühmte Menschen haben es gut, sie brauchen nur in einen Buchladen zu gehen, wo es bestimmt ein Buch über sie gibt. In dem können sie etwa nachlesen, dass sie regelmäßig mit einem Cheeseburger zu Bett gehen – das war ihnen unter Umständen völlig neu, so dass sie sich über die Herkunft von Krümeln und Soßenresten gewundert und bereits den Geheimdienst im Verdacht hatten, mit bröselkleinen oder streichzarten Abhörvorrichtungen zu arbeiten.

Wenn berühmte Menschen der Zeitgeschichte gar nicht lesen, wird es allerdings auch für sie so anstrengend und schwierig, sich selbst zu kennen, wie für Leute wie Sie und mich. Denn während Sie und ich noch damit beschäftigt sind, sich einen Weg und eine Taktik zu überlegen, wie man sich dem eigenen Ich annähern könnte, meldet sich die Welt mit ständig weiteren hochdramatischen Ablenkungen, mit Feuer und Wut, besonders heißen und besonders kalten Temperaturen.

Okay, man könnte den Laptop ausschalten. Für eine Weile. Aber dann bekäme man, nur zum Beispiel, nicht mit, dass in den USA in diesen Tagen Menschen vor Buchläden Schlange stehen, als gäbe es dort kostenlose Cheeseburger oder einen neuen Harry Potter. Und dass, nur ein anderes Beispiel, in Florida neuerdings Leguane von den Bäumen, also quasi vom Himmel fallen. Leguane sind wechselwarm, aber Wärme gibt es derzeit im Sonnenscheinstaat nicht einzuwechseln. Wissenschaftler versichern zwar, dass die Tiere, sobald es nicht mehr eisekalt ist, gesund und munter aus ihrer Starre erwachen – aber gesund und munter gilt womöglich nicht für den Menschen, dem sie (sie können bis zu 2,20 Meter lang werden) auf den Kopf fallen. Hätte man jetzt einen Florida-Urlaub gebucht, könnte das eine lebensrettende Information sein.

Zwar hat man keinen Florida-Urlaub gebucht, aber wenn man sich jetzt gleich ein wenig besser kennengelernt hat, möchten ich und sich vielleicht doch auf der Stelle verreisen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen