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Times mager Die sechs

Deutscher Buchpreis 2018: Eine Shortlist mit fünf denkbaren Favoriten und einer nicht chancenlosen Außenseiterin. Das kann was geben.

Shortlist für Deutschen Buchpreis 2018
Diese sechs Bücher stehen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Foto: dpa

Auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis wird es immer geheimnisvoller, anders geht es vermutlich nicht. Wo sind Arno Geiger („Unter der Drachenwand“) und Angelika Klüssendorf („Jahre später“) geblieben? Der Blick geht stattdessen weiter hinaus in die Welt und die Geschichte, in eine gewalttätige Welt und Geschichte, in eine farbenreiche und zum Teil recherchebedürftige. Die Biografien vor allem der Autorinnen – zwei von ihnen sind erst als junge Frauen nach Deutschland gekommen – werden behilflich und anregend gewesen sein. Überhaupt klingen Familiengeschichten an, um aber sogleich Literatur zu werden.

Aus Lesersicht ergibt sich ein Kontinente-Hopping. Man fasst sich dann auch selten kurz, es gibt viel zu erzählen. Zweimal geht es locker über die 700 Seiten hinaus, dann über 500 und dann immer noch über 400. Schlägt die Erzähllust die Form? Das kann man so nicht sagen, aber weitgehend umgekehrt. Formverliebtheit wird bei keinem Titel den Ausschlag gegeben haben.

Im Rennen für die Preisverleihung am 8. Oktober im Frankfurter Römer nun einige, fast nur Bücher, die man bereits bei der Veröffentlichung der Longlist für realistische Mitfavoriten halten konnte: Der raffiniert gebaute Argentinien-Roman „Nachtleuchten“ (S. Fischer) der 1972 in Buenos Aires geborenen María Cecilia Barbetta und der vor Erzählsträngen & Details nur so strotzende Tschetschenien-Russland-Berlin-Roman „Die Katze und der General“ (Frankfurter Verlagsanstalt) der 1983 in Tiflis geborenen Nino Haratischwili gehören dazu. Und auch Stephan Thome, bisher ein Topspezialist für deutsche Ehen, blickt in „Gott der Barbaren“ (Suhrkamp) diesmal über den bundesdeutschen Tellerrand hinaus ins China des 19. Jahrhunderts. Inger-Maria Mahlke zeichnet in „Archipel“ (Rowohlt) ein kanarisches Jahrhundert auf Teneriffa nach (wo sie Teile ihrer Kindheit verbrachte), und Maxim Biller in „Sechs Koffer“ (Kiepenheuer & Witsch) ein europäisches Jahrhundert in einer verschlungenen Familiengeschichte.

Als wirkliche Überraschung, als bunter Vogel (allerdings ein unheimlicher bunter Vogel, mehr trauen wir uns noch nicht zu sagen) ist alleine Susanne Röckel auf die Shortlist gekommen, mit „Der Vogelgott“. Ein Titel allerdings aus dem Hause der Buchpreismacher (von 2010 und 2012, was für einen übersichtlichen Verlag schon beträchtlich ist) Jung und Jung, Salzburg.

Ginge es jetzt direkt ins Wettbüro, so würde ich auf Thome setzen. Reine Gefühlsentscheidung. Oder auf Mahlke. Haratischwili, Barbetta, Biller, Röckel. In dieser Reihenfolge jedenfalls. Oder Biller doch weiter vorn. Verdammtes Spiel, Jahr für Jahr.

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