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Times mager Der ST

Die Stadt Lüneburg versinkt immer schneller – und nur einer weiß, warum und wozu: Der Senkungsteufel.

Beelzebub? Harmlos! Der wahre Leibhaftige ist der Senkungsteufel. Foto: Imago

Die einen sagen Leibhaftiger. Oder Azazel. Oder Beelzebub. Andere Höllenfürst oder Gottseibeiuns. Wieder andere nennen ihn den Tausendkünstler. Und die Lüneburger, was sagen die, wenn sie vom Fürsten der Finsternis und Sohn der Verdammnis reden: Sie sagen „Senkungsteufel“. Das klingt sehr technisch (ist es auch) und gleichzeitig niedlich (ist es nicht), denn im Gegensatz zu anderen Gegenden Deutschlands, wo der Teufel selten gesehen wird oder nur noch in Flüchen daherkommt, treibt er seit Jahrhunderten unter Lüneburg sein Unwesen als eine Art übellauniger, destruktiver und unbesiegbarer Bergbauingenieur, eben als Senkungsteufel (ST), wie die Lüneburger sagen.

„Der Senkungsteufel hat wieder zugeschlagen“, heißt es leise, wenn er wieder zugeschlagen hat, was erschreckend oft vorkommt und die alte Hansestadt auf sehr, sehr lange Sicht womöglich im Boden verschwinden lässt.

Das Elend Lüneburgs – und das ist dialektisch und teuflisch zugleich – ist der Salzstock unter den Füßen: Einst sorgte er für Reichtum, heute für Angst und Ärger. Jahrhundertelang förderten die Menschen Salz, nun präsentiert der ST die Rechnung, lässt Wasser eindringen in den Stock, löst den Untergrund auf.

Das sieht dann so aus: Anfang Juni entdeckte ein Lüneburger in seinem Garten einen drei Meter tiefen Krater. Vergangenes Jahr senkte der Unaussprechliche die Innenstadt um zwölf Zentimeter ab, Ende dieses Jahres wird sein schändliches Tun auf rekordverdächtige 25 Zentimeter anwachsen. Der Senkungsteufel arbeitet schon lange. Er kennt keine Rast und Ruh, keinen Feierabend oder Urlaub. Nur Überstunden. Schon 1818 und 1861 mussten Handwerker die Marien- und die Lambertikirche abreißen, weil sie einzustürzen drohten. Jetzt nagt er an der Michaeliskirche. Man weiß sogar, wo der Senkungsteufel am liebsten sein Unwesen treibt: Es muss beim sogenannten Tor zur Unterwelt sein, einer alten Pforte aus der Gründerzeit. Dort gab die Erde seit 1953 um 2,27 Meter nach. Und er hört nicht auf. Nun soll ein Gärtner sein riesiges Gewächshaus abreißen, weil es der ST darauf abgesehen haben soll. Auch auf dem Friedhof wirft Du-weißt-schon-wer gerade Grabsteine um.

Warum der ST gerade jetzt mit so viel böswilligem Elan die Lüneburger triezt, Experten wissen es auch nicht. Die Stadt versinkt immer schneller – und nur einer weiß, warum und wozu.

Helmut Böller ist es nicht. Er ist 75 Jahre alt, Lüneburger und Statiker. Er kennt den ST, aber seine Launen kennt auch er nicht. „Das Problem wird Lüneburg immer begleiten“, sagt er. Traurig, aber nun ja.

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