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Times Mager Der Knack

Die Band The Ruts genießen eine Bekanntheit in bescheidenem Rahmen, aber vor 40 Jahren erschien ihr gerade wieder aktuelles Album „The Crack“.

London-Southall
Bei Ausschreitungen in London-Southall 1979 wurden mehr als 300 Demonstranten verhaftet, 40 Personen kamen ins Krankenhaus. Foto: imago

Und damit zu den wichtigen Dingen. 2019 ist das Jahr, in dem die britische Königin Victoria ihren 200. Geburtstag feiern würde, wenn sie nur annähernd so viel Ausdauer an den Tag gelegt hätte wie ihre Nachnachfolgerin Elizabeth II., die in diesem Jahr vorläufig 93 wird und dann anno 2126 bei sicherlich bester Gesundheit ihren Zweihundertsten begeht. Wohin auch immer ihre seltsame hasenförmige Insel bis dahin über Nordmeer oder Atlantik getrieben ist.

Apropos seltsame hasenförmige Insel: Dort feiert man heuer den 40. Jahrestag der Schallplatte „The Crack“ (Deutsch etwa: der Knack, Spalt, Riss), größter Erfolg der Musikgruppe The Ruts (etwa: die Furchen oder auch: Spuren). Auf der Platte brennt Babylon, die Band thematisiert Polizeigewalt und schwere Auseinandersetzungen in London-Southall 1979.

Die Ruts engagieren sich in jener Zeit mit vielen anderen britischen Bands auf Festivals gegen Rassismus und speziell gegen die rechtsextreme British National Front. In ihren Texten versuchen sie, die Leute aufzurütteln: Schluss mit Misstrauen und Hass.

Wer sich damals in London aufhielt und wagte, ein Punkrockkonzert zu besuchen, der weiß, was gemeint war: Polizisten stoppten wahllos Passanten auf der Straße und durchsuchten sie von Kopf bis Fuß, bis ins Portemonnaie hinein. Der betagte englische Pfarrer, der uns seinerzeit im Auto vom Main bis an die Themse mitnahm und auf der Fahrt half, den Text von „Babylon’s Burning“ zu übersetzen, war auf der Rückfahrt schockiert. Nicht etwa vom Punkrock, sondern vom Vorgehen der Polizei. Mister Farrow, Ehrenmann.

Auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit – wir reden hier von einer Bekanntheit im bescheidenen Rahmen, verglichen mit Pink Floyd, Toto, AC/DC, die allesamt 1979 ebenfalls Alben veröffentlichten –, auf dem Mittelgebirgsgipfel ihres Erfolgs also verloren die Ruts ihren Sänger Malcolm Owen an das Heroin. Die übrigen Bandmitglieder machten mit Unterbrechungen tapfer weiter, veröffentlichten eine grandios-düstere Platte („Animal Now“, 1981), wechselten ins Dub-Reggae-Fach und sind auch heute noch unterwegs. Im zwölften Untergeschoss ihres Erfolgs traten sie 2017 als Vorgruppe der Toten Hosen auf. Malcolm Owen dürfte im Grab rotiert haben.

40 Jahre nach „The Crack“ müssen nun also andere Leute Britannien vor dem Knack, Spalt, Riss retten. Und hierzulande findet man noch nicht mal ein paar Musiker für eine Band, die das Album übers Jahr in kleinen Clubs zelebrieren würde. Na, was soll’s. 1979 erschienen schließlich auch „Und jetzt alle“ von James Last und „Dschinghis Khan“ von Dschinghis Khan.

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