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Times mager Der Antichrist

Die Menschen haben sich Luther oft vorgestellt als den Mönch als Tatmenschen, Luther als den lebhaften Widerpart des Antichrist. Legenden kennen keinen Stillstand.

Der Mainzer Motivwagen zum Luther-Jahr. Foto: epd

Das Bewusstsein vom Ende der Welt hat sich vielerorts eingenistet. Auch hinter den Mauern der Wartburg, den mächtigsten weit und breit, sind die Bewohner und Hausgäste gegen die Endzeitstimmung nicht gefeit. Die Stimmung ist auch in dieser Weltferne apokalyptisch aufgeladen. In den Wänden sitzt die Angst – und es sind wahrhaftig dicke Wände. Wie mächtig daher die Ängste.

Wartburg, die wenig wehrhafte Lutherstube. In den vier Wänden, die dem Flüchtling zur Verfügung stehen für seine Studien, wird dem Reformator nicht wohl. Er fühlt sich nicht nur, er weiß sich ja verfolgt. Der Kaiser greift nach ihm, der Papst ist hinter ihm her. Luther mag gelegentlich salopp formulieren, denn das hat er sich zur Lebensaufgabe gemacht. In der Sache selbst ist und bleibt es so, dass er mit dem Tod bedroht ist, dem Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Was die Niedertracht des Papstes angeht, das Trachten nach einem Menschenleben, muss man Luther nicht sagen, dass es sich bei dem Kirchenoberhaupt um den Antichrist handelt. Zu dieser Einsicht, seit langem in Umlauf, erwiesenermaßen seit dem späten Mittelalter, ist Luther schon vor seiner Wartburgzeit gekommen: Das Papsttum ist der Antichrist, nicht dieser oder jener Papst verkörpert ihn – davon ließe sich absehen. Vielmehr ist es die Institution, die dem Antichrist dient, aus der der Antichrist spricht.

Wartburg, Lutherstube. Sein Bewohner haust hier im Bewusstsein des Weltendes. Es hat sich auch hier regelrecht eingenistet. Vielfältig, auch das muss man Luther nicht sagen (denn was muss man ihm schon sagen und was lässt er sich sagen?), ließe sich darauf reagieren. Frech oder fromm, frivol oder fatalistisch. Luther, der seine Bibelübersetzung vorbereitet, weiß um die Macht des Stabreims. Fatalistisch ist für Luther aber so etwas wie ein Fremdwort. Kein Gedanke also daran! Vielmehr gilt es die Zeit zu nutzen, auch hier, in der Abgeschiedenheit der Wartburg. Auch in der Lutherstube wird Weltflucht nicht erwogen.

Wartburg, ein Mönch in einer Zelle, in der die Endzeitsorgen ein- und ausgehen. Auch diese Stube ist eine Keimzelle einer aufgewühlten Endzeitstimmung. Grund genug, um die Hände zu falten. Kein Grund, um die Hände in den Schoß zu legen. So ist die Geschichte immer wieder erzählt worden. So haben sich die Menschen Luther oft vorgestellt, den Mönch als Tatmenschen, Luther als den lebhaften Widerpart des Antichrist. Luther als den leibhaftigen Antagonisten des Antichrist. Schritt für Schritt hat man sich Luther immer lebhafter vorgestellt. Legenden kennen keinen Stillstand. Sie sind vital wie nur was.

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