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Times mager Dax

Jeden Abend wird die Punktzahl ins Wohnzimmer geliefert, aber, ehrlich gesagt, so richtig verstehen tun wir das nicht.

Würde man die Zahl per Zufallsgenerator ermitteln, merken würde es nur der Wolf of Wallstreet. Foto: imago

Kürzlich hat sich Caren Miosga selbst korrigiert. Der Dax war ihr ein wenig verrutscht. Keine Ahnung mehr, wo er an jenem Abend genau stand, sagen wir mal: bei 11 297 Punkten. Und Caren Miosga in den ARD-Tagesthemen so: „11 279“. Ehihihi!

Haben Sie’s gemerkt? Nein? Sonst wahrscheinlich auch niemand. Außer Caren Miosga. Sie putzte den Fehler sofort auf ihre ursympathische Art aus („Verzeihung, 11 297 natürlich“, lächel) und wirkte leidlich schuldbewusst, aber nicht übertrieben geknickt. Dabei hätte ja sonst was passieren können. Der Dax! Falsch! Die deutsche Wirtschaft, ach, die Ökonomie weltweit stand gleichzeitig mit dem Rücken zur Wand und mit den Zehenspitzen über dem Abgrund. 18 Punkte Unterschied! Der Dax! Der Dax!

Gar nicht so lang her, da dachte jeder Mensch an ein Tier, wenn er Dax hörte. Dann beschlossen sämtliche Nachrichtensendungen: Wichtiger als das Wetter und die Sportergebnisse ist eine zunächst vier- und später fünfstellige Zahl, die schlipstragende und dauertelefonierende Männer nach einem für Gustav Normalzuschauer undurchdringlichen System täglich neu ausklamüsern. Der Dax. Im diesjährigen Dürresommer des Schreckens wurde er dreißig Jahre alt.

Und seit dreißig Jahren fragt sich Gustav N.: Muss ich das jeden Abend haben? Es ist ja nicht nur die Zahl, die per Zufallsgenerator mit 49 Kugeln vor einem Aufsichtsbeamten ermittelt worden sein könnte, und keiner würde es merken außer dem Wolf of Wall Street. Es kommt ja auch noch eine Dame oder ein Herr „live aus der Frankfurter Börse“ mit neusten Weltwirtschaftsentwicklungen, die den Dax beeinflussen, den Dow Jones sowie den Nikkei-Index. Man könnte stattdessen einen Witz auf Tschuktschisch (sibirischer Dialekt) erzählen, Gustav N. hätte genauso viel davon.

Wichtig: Wenn man über Dax, Dow und Nikkei spricht, muss einer der drei immer bei soundsovielen Punkten „schließen“, ein weiterer geht bei soundsovielen Punkten „aus dem Handel“. Pflicht. Sonst gilt’s nicht. Was es für sein Leben bedeutet, ob der Dax nun 11 297 Punkte erreicht hat oder – jetzt mal total verwegen! – nur 10 536, das wird Gustav nie verstehen, aber Hauptsache, jemand quatscht es ihm Abend für Abend ins Wohnzimmer.

Zum Schluss noch was praktisch Verwendbares: Der Problemdachs auf dem Friedhof von Hirschberg-Leutershausen „hat sich getrollt“, berichtet die „Rhein-Neckar-Zeitung“ auf ihrer Internetseite. Großes Aufatmen. Das Tier hatte sich während der großen Dürre durch die Gräber gebuddelt, aber seit Anfang November gebe es keine Beschwerden mehr, wird Hauptamtsleiter Ralf Gänshirt zitiert. Das Wetter.

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