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Times mager Das gute Image des Bösen

Warum kommt einem das Böse so interessant vor? Obwohl es gar nicht interessant ist?

Darth Vader
Oma Vader sucht den Kognak. Foto: imago

Der kulturkonsumierende Mensch ist von Gut und Böse umzingelt und macht früh die Erfahrung, dass das Böse interessanter ist. Nein, er macht nicht unbedingt diese Erfahrung, aber seine Großmutter bringt es ihm bei. Vermutlich dieselbe Großmutter, die ihn am Kognak nippen, an der HB ziehen und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ im Fernsehen sehen lässt. Die Rolle von vergnügungsorientierten Großmüttern bei der Verluderung sehr junger Menschen ist ein soziologisch vernachlässigtes Feld, zu Unrecht. Aber zurück zum Bösen.

Bald war also klar, dass alle Erwachsenen, die auf sich hielten, Pro-Don-Giovanni waren und dessen Höllenfahrt zwar gerne hörten, inhaltlich aber als unverhältnismäßig kritisierten. Der moralische Schlussgesang wurde augenrollend zur Kenntnis genommen und als Beweis dafür, dass mit Don G.s unfreiwilligem Abgang die Luft raus war aus Handlung und Musik (was beides nicht stimmt, aber egal). Durch Kater Karlo und das Schwarze Phantom hatte sich die Jugend zuvor schon darauf einstellen können, dass Geschichten erst spannend wurden, wenn die Haderlumpen die Bühne betraten, was sich dann mit Alexis Carrington, Baron Scarpia, Darth Vader, Dr. Hannibal Lecter, Edward Hyde, Franz von Moor, Graf Dracula, Hagen von Tronje, Iago, dem Joker, Kunigunde von Thurneck, Lady de Winter, Lord Voldemort, der Marquise de Merteuil, Mephisto, Norman Bates, Poison Ivy und Professor Moriarty weitgehend bestätigte. Unter den Bösen finden sich auffallend viele Akademiker und Aristokraten, außerdem leider auch etliche Frauen (aber so viele dann auch wieder nicht).

Charakteristischerweise war das Image der Bösen so gut, dass es die Guten an den Rand drückte. Sieht man von Donna Anna, Donna Elvira und dem glücklosen Tenor Ottavio ab, so traf das Verdikt, gut zu sein, vor allem Melanie Hamilton. Das ergab sich aus dem Kontrast zu Scarlett O’Hara, die nicht böse ist und doch das Gegenteil von gut. Jahrzehnte später erst zeigte sich mit Wucht, dass Melanie Hamilton eine wunderbare, noble Frau ist und Scarlett eine dumme Gans. Noch heute streitet die Verwandtschaft darüber, ob Rhett Butler das ebenfalls merkt. Allerdings sollte man nicht über eine Frau sagen, sie sei eine dumme Gans. Es kränkt die Frau und tut der Gans Unrecht. Gänse sind klug und aufmerksam.

Man sieht aber schon, dass es schwierig ist, über Gut und Böse zu schreiben, ohne auf rutschiges Gelände zu geraten. Insgesamt ist das Gute in höherem Alter immer besser und unbegreiflicher, das Böse wird zusehends durchschaubar.

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