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Times mager Das 7. Kreuz

Die Reihe „Frankfurt liest ein Buch“ hat Frankfurt immer wieder neu vermessen - im kommenden Jahr durch einen Roman von Anna Seghers.

Schriftstellerin Anna Seghers
Das Buch „Das siebte Kreuz“ der Autorin Anna Seghers steht bei der Veranstaltungsreihe „Frankfurt liest ein Buch“ 2018 im Mittelpunkt. Foto: epd

Immer wieder im Frühjahr nimmt sich Frankfurt einiges vor. Denn dann heißt es: „Frankfurt liest ein Buch“. Für das Motto wird ein jedes Mal ein Roman aufgeschlagen, der in der Stadt spielt – 2018 wird das Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ sein. Am Romananfang steht die Flucht aus dem KZ Westhofen, gab es doch bei Mainz, der Geburtsstadt der 1933 ins Exil geflüchteten Autorin, das KZ Osthofen. Osthofen war ein Ort der systematisierten Willkür – dem Grauen von Westhofen entkommen sieben Romanfiguren.

Manchmal bereits wurde die Reihe „Frankfurt liest ein Buch“ auch von einem gewissen beflissenen (belesenen) Lokalpatriotismus heimgesucht. Jetzt, nachdem Anselm Weber den Roman zum Auftakt seiner Intendanz am Schauspiel Frankfurt dramatisiert hat (s. FR v. 30.10.), wird Frankfurt zur kargen Bühne, zum nackten Schauplatz nackten Überlebens. Georg Heisler ist einer der sieben Flüchtlinge, der nicht an eines der sieben dafür vorgesehenen KZ-Kreuze geschlagen wird. Denn dem Heisler gelingt die Flucht, raus aus Nazideutschland ins rettende Ausland. Auf der Spielfläche Darsteller in ständig wechselnder Kleidung, in ständig wechselnden Rollen. Identitäten sind in diesem Flüchtlingsdrama etwas Flüchtiges. So übernimmt gar der Darsteller des Flüchtlings, Heisler, mit einem Mal die Rolle des verhörenden Gestapo-Schergen.

Die Reihe „Frankfurt liest ein Buch“ hat Frankfurt immer wieder neu vermessen. Durch Webers Inszenierung wird die Stadt von 1937 dreierlei: zum Ort von vorübergehender Rückkehr, vorläufiger Rettung, verzweifelter Flucht. Die Inszenierung bringt eine Nachbarschaft aus Opfern und Tätern zusammen. Was immer den Roman aus Hitlerdeutschland literarisch ausmacht, in der Dramatisierung kommen Verfolgten-Diskurs, weise Ermittlung, Oratorium und Appell zusammen.

Die eminent wandelbaren Rollenspieler wenden sich an ein Theaterpublikum, mal wie an einen stummen Vertrauten. Oder auch wie an einen stummen Kunstrichter oder wie an einen Komplizen oder wie an einen Gestapo-Mann. Wie schon die Rollen der Darsteller ist die des Publikums zwischen höherer Instanz und brutaler Instanz nicht fest vergeben, sie ist nur flüchtig verteilt. Wenn man es richtig versteht (indem man es sich eingesteht), dann sehen sich die Darsteller von der Bühne aus einer großen stummen Masse gegenüber. Geballtem Mitleid? Oder geballtem Mitläufertum? Was weder Roman noch Kinofilm erreicht haben, spitzt Webers Theaterabend während zweier Stunden zu. Es bleibt nicht nur bei der Furcht vor dem Elend des Dritten Reiches.

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