Lade Inhalte...

Times Mager Britische Straßenmusik

Es wäre schade, verlöre man vor lauter Brexit den Blick für das Besondere der Briten. Eine neue Verordnung wäre dann untergegangen.

Singer mit Mikrophon
In York dürfen Straßenmusiker ins Mikro trällern, betrunkene Bald-Ehemänner aber nicht in selbiges schreien. Foto: imago

Obwohl wir die Briten seit dem 23. Juni 2016 zu 51,89 Prozent für unvernünftig halten – welcher vernünftige Mensch schießt sich selbst ins Knie und zündet dann sein Haus an, damit er nicht mehr Treppen steigen muss –, trotzdem also gibt es Teile Großbritanniens, die auf ganz brauchbare Ideen kommen. (Und wir meinen jetzt nicht nur die Remain-Demonstranten, die aber auch.)

Die englische Stadt York, eine ehemalige Wikinger-Festung, scheint eine solche Insel der Gewieften zu sein. So hat sie zunächst eine Vorschrift erlassen, wonach aus aufblasbaren Penissen auf ihrem Stadtgebiet die Luft herausgelassen werden muss. (Niemand, so berichtete jetzt die Yorker Polizei, habe sich bisher geweigert, die Luft aus seinem aufblasbaren Penis herauszulassen. Aber gern stellt man sich Diskussionen vor.) Dann wurde für gewisse nach York fahrende Züge ein Alkoholverbot ausgesprochen.

Und jetzt sind Straßenmusikanten angewiesen, keine fremden Personen erstens an ihr Mikro und zweitens dort selbst singen zu lassen. Jedenfalls keine betrunkenen fremden Personen. Und jedenfalls keine, die eine anstehende Vermählung als Entschuldigung betrachten, Menschen trinkend und singend auf die Nerven zu gehen. Hier ein kleiner, von York kurz wegführender Exkurs: Menschen, die außerhalb der Karnevalszeit verkleidet sind, die ihre Stimme um das Fünf- bis Sechsfache des Üblichen erheben, die Wildfremden pappsüße Energy Bars, Schnapsfläschchen oder Luftschlangen verkaufen wollen, tun das (sagen sie), weil sie jemanden lieben. Leuchtet ein. Die so geliebte Person wiederum liebt natürlich zurück und versucht ihrerseits, pappsüße Energy Bars, Cognacfläschchen oder Kondome mit Erdbeergeschmack unter die Leute zu bringen. Und oft sprechen die bald in den Stand der Ehe Tretenden ihren flüssigen Waren selbst so zu, dass ihnen das lautstarke wie auch falsche Singen wenn nicht angemessen, so doch verzeihlich erscheint.

Ist es nicht, sagt nun die Stadt York. Zwar stammen ihre Bewohner von Wikingern ab (und das will sicher was heißen, bloß was?), doch auch ein Wikinger kennt Schmerz. Und so schrecklich (und verbreitet) muss das Geheule alkoholisierter Junggesellen und alkoholisierter Junggesellinnen in den Mauern Yorks sein, dass sie jetzt wenigstens davon abgehalten werden sollen, ein Mikro zu kapern. Alle Straßenmusikanten, so heißt es, erhalten von der Stadt ab sofort „im Interesse der Reduzierung der Lärmbelästigung“ ein offizielles Papier, in dem nachzulesen ist, dass sie keine anderen Personen an ihr Mikrofon lassen dürfen. Das freilich setzt voraus, dass die Gemeinten noch in der Lage sind, ihre Aufmerksamkeit auf Geschriebenes zu richten. Aber vielleicht sind die Yorker auch so schlau, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, weil Straßenmusiker nun lieber ganz auf ein Mikro verzichten werden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Großbritannien

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen