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Times mager Blicke

Die Situation mit einem Blick erfassen: Das ist in Frankfurt an allerlei Orten mögich.

Schaukelpferd
Schaukelpferd: Schmerzlich vermisst. Foto: Imago

Ein Linienbus kommt der Fußgängerin entgegen, auf der Anzeige steht nur ein Wort: „Pause“. Mehr als ein Dutzend Fahrgäste sitzt drin, die meisten schauen, als der Bus nun an der Haltestelle hält, so entspannt vor sich hin oder aus dem Fenster, als hätten sie dank der Leuchtanzeige das perfekte Pausengefühl. Irritiert ist nur der alte Mann, der einsteigen will. Er fixiert die spiegelnde Scheibe und wedelt dem Fahrer ein Zeichen zu, das wohl ein Fragezeichen sein soll: Pause, oder was? Nun guckt der Fahrer irritiert.

Ein großer Glatzkopf in einem orangefarbenen Blaumann (kann man das sagen? ist ein orangefarbener Blaumann ein B-mann?) schlendert mit einem knallgelben Schild mit dem einen Wort „Fahrplanänderung“ darauf durch eine U-Bahn-Station und schaut sich suchend um. Fast alle Blicke folgen ihm – und das sind viele. Fast alle Blicke sind ein bisschen beunruhigt. Nicht beunruhigt kann nur sein, wer keine Erfahrung mit dem Frankfurter Nahverkehr und seinen Fahrplanänderungen hat.

Im Stadtteil S., aber oberirdisch, wird außerdem ein Schaukelpferd „schmerzlich vermisst“. Gerade hat der Zettel, der da im Stadtraum klebt, die Aufmerksamkeit eines offenbar kurzsichtigen Mädchens erregt. Eines Mädchens, das nämlich nun mit der Nase fast das Papier berührt, während es liest. Dann schaut es sich um, als fühle es sich beobachtet. Da ist was dran.

Eine ältere Dame, Kostüm, Hut, Handtasche, Dauerwelle zartlila, schreitet mit ihrem rattenähnlichen Hund den Fahrradweg entlang (bzw. sie schreitet; beim Hund müsste man eher sagen, da es das Wort ratteln nicht gibt: er wieselt). Schimpfende Radfahrer weist die Dame mit nicht mehr als einem indignierten Blick zurecht. Den rattenähnlichen Hund aber wird es wohl erwischen, früher oder später, egal, wie eisig sein Frauchen blicken kann. Frankfurter Radfahrer sind fast nie in der Stimmung, Rücksicht zu nehmen auf Hunde, Kinder, Touristen, alte Damen.

In der Halle des Hauptbahnhofs stehen drei Asiatinnen mit Rollköfferchen und je einer Getränkedose in der Hand und beugen sich über den vierteiligen Abfallbehälter, auf dem steht: „Restmüll“, „Papier“, „Verpackungen“, „Glas“. Die drei Asiatinnen kichern ein wenig, es ist ein Kichern der gemeinsamen Ratlosigkeit. Von der anderen Seite kommt ein Einheimischer (?) und weist, die Situation mit einem Blick erfassend, gebieterisch auf eine der Öffnungen: „Verpackungen“. Die drei Reisenden strahlen ihn an und werfen ihre Getränkedosen also bei „Verpackungen“ ein. Eine der Frauen macht einen kleinen Knicks. Der Mann verbeugt sich leicht. Die Beobachterin ist hingerissen.

Ein Stück weiter steht eine Frau, kein Gepäck, also vielleicht Abholerin, am Bahnsteig Nummer 16 und blickt konzentriert in den Taschenguide „Sich durchsetzen“. Es ist selbstverständlich die „Best of-Edition“, man würde sich sicher nicht mit irgendwelchen nur halbguten Tipps durchsetzen wollen gegenüber dem, der möglicherweise ankommt.

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