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Times mager Aprèsgarde

Geschichten vom Hinterhertrottel, der zwar ein Trottel sein mag, dafür manches Schnäppchen macht.

Tasse mit heißem Getränk auf dem Bücherstapel
Zählt man durch Hinterherhinken literarisch zur Avantgarde? Foto: Imago

Das Leben als Spätzünder, als extremer Langsamleser, Die-Neuste-Mode-nicht-Mitkrieger und Das-Buch-als-Letzter-Entdecker hat seine Vor- und Nachteile.

Vorteile: Man spart Unsummen dabei, etwa die Top-Hits von 1977 erst 1980 als Kompilation zu erwerben. Was allerdings noch nicht mal der Langatmer tat, der andererseits aber so lange alle Bekannten ausfragte, ob diese Nina-Hagen-LP wirklich hörbar sei, bis er der Einzige war, der sie (nach mutigem Kaufe) noch hörte.

Weitere Vorteile: Es schont ebenfalls das Portemonnaie, die angesagte Beinweite der angesagten Hosen erst dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie seit Jahren nicht mehr angesagt ist. Dann sieht zwar jeder, dass der Typ modisch hoffnungslos hinterherhinkt, aber das könnte auch darauf hindeuten, dass er profane Dinge nur deshalb nicht weiß, weil er so vergeistigt ist und z.B. literarisch zur Avantgarde zählt.

Da er natürlich auch literarisch nicht zur Avantgarde zählt, macht er mit seinen unmodernen Hosen im Zuge einer Recherche über historische Grünanlagenkonzepte einen Top-Schnapp im Stadtarchiv: Dort steht der vieldiskutierte Roman „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante zur Mitnahme gegen eine Spende nach Gutdünken bereit. Schon Monate später hat der Hinterhertrottel, wenn auch abgelenkt durch zahlreiche Pflichtlektüren (na, so viele nun auch wieder nicht), das Buch zu Ende gelesen und …

Nachteile: … sitzt belämmert da. Ist doch auf den ersten drei Seiten ein spannender Umstand beschrieben, dessen Hintergrund man am Ende des Buchs gern aufgeklärt gewusst hätte. Normalerweise würde man sich darüber jetzt wortreich beklagen können und sogar Details der Verbraucherenttäuschung rückhaltlos nennen dürfen, denn ein Buch, das seit Jahren jeder Mensch auf der Welt kennt außer dem hintervorletzten Spätzünder – da ist die Spoilergefahr doch gleich null. Bis sich im ersten Empörungsgespräch erweist: Es handelt sich hierbei um einen ähnlich gelagerten Fall wie einst beim „Herrn der Ringe“ im Kino. Es rudern die Helden mit einem Boot auf den See hinaus zu entscheidenden Taten – und der Film ist vorbei! Abspann, keine entscheidenden Taten, Feierabend! Man möge sich beruhigen, hieß es seinerzeit, dies sei der erste von drei Teilen gewesen, und es werde demnächst weitergerudert.

Signora Ferrante, wie sie sich nannte, segelte ihrerseits noch dreibändig weiter, und der Spätzünder steht wieder einmal belämmert da mit seinen Hosenbeinen, die zuerst um die Ecke kommen. Textilien, sagt man, werden ja irgendwann wieder modern, aber es kommt drauf an, wer drinsteckt.

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