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Times mager Altmodisch

Soll man Hass und Wut aushalten? Oder soll man im Netz zurückrotzen? Oder sich entschuldigen?

"#HEYTWITTER"
Analoge Streetart vor der deutschen Twitter-Zentrale in Hamburg. Foto: rtr

Es ist noch nicht lange her, da war man gut beraten, rüde Pöbeleien, sei es im öffentlichen Raum oder in Zuschriften, so gut es ging zu ignorieren. Dem Absender sollte nicht noch größere Aufmerksamkeit zuteil werden. Die Textsorte der Beschimpfungen und Beleidigungen ist eine klassische Gattung, aber man schien ihr die aggressive Verve am verlässlichsten dadurch zu nehmen, indem man versuchte, sie ins Leere laufen zu lassen. Selbst wenn das schwerfiel, war es doch nicht selten mit der vielleicht trügerischen Hoffnung verbunden, dem unbekannten Aggressor auf diese Weise die Energie zu entziehen.

Die Strategie des souveränen Aushaltens aber hat erheblich an Bedeutung eingebüßt, seit die Beschimpfung zu einer Art frei konvertierbarer Währung in den sogenannten sozialen Medien geworden ist. Wut und Hass scheinen begierig nach Reaktion, und in den vielfältigen Kanälen des Internets herrscht daran kein Mangel. In vielen Fällen ist die Zuordnung einfach. So hat der Geschäftsführer der Ausstellung „Hitler – wie konnte das passieren?“ im Berlin Story Bunker zuletzt Hunderte Drohungen aus dem rechtsradikalen Milieu erhalten. „Du gehörst nach Auschwitz!!!“ heißt es da und: „Adolf hat dich vergessen!“ Einschüchterungen, anonyme Drohungen – bekanntes Kaliber.

Inzwischen aber wird zurückgepöbelt. Mit aktionskünstlerischem Feinsinn hat das der in Berlin lebende jüdische Schriftsteller Shahak Shapira getan. Nachdem er den Nachrichtendienst Twitter mehrfach vergeblich aufgefordert hatte, die gegen ihn gerichteten antisemitischen Hasskommentare zu löschen, hat er eben diese in weißer Farbe mit vorgefertigten Schablonen vor die deutsche Twitter-Zentrale in Hamburg gesprüht. Analoge Streetart gegen den ortlosen Konzern der frei flottierenden Botschaften. Im Interview mit der FAZ hat Shapira darauf aufmerksam gemacht, dass es bereits eine kaum zu überwindende Herausforderung bedeute, überhaupt mit Twitter in Kontakt zu treten. Die weltweiten Kommunikationsriesen sind sprachlos, unsichtbar und intransparent. Die Duplizierung der Pöbeleien mit nicht ganz leicht abzuwaschender Farbe ist vor allem auch ästhetischer Widerspruch.

Einen ganz anderen Effekt hat die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali erzielt. Sie hatte gegen sie gerichtete Hassbotschaften eines jungen Mannes namens Emre in vergleichbarer Diktion erwidert und war darauf vom sozialen Netzwerk Facebook gesperrt worden. Stillhalten, so hatte Hayali für sich entschieden, ist keine Option. Die Gegenoffensive war auf anrührende Weise erfolgreich. Nicht nur Facebook entschuldigte sich für die Entfernung des Beitrags, sondern auch Emre. Er habe sich telefonisch entschuldigt, es tue ihm leid, dass er Hayali und andere verletzt habe. Es gibt sie also noch, die soziale Geste der Entschuldigung. Noch bemerkenswerter aber ist es, dass Emre auf ganz altmodische Weise angerufen hat.

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