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Times Mager Alter Falter!

Was auf vorpommerschen Torf gelingen mag, muss nicht im Weserbergland funktionieren.

Die Autobahn A20 ist auf einer Laenge von 95m abgesackt Die Autobahn A20 bei Tribsees sackt auf moo
Die A20 bei Tribsees: Auf nachgiebigem Torf gebaut. Foto: imago

Man darf wohl behaupten, die Welt wäre ein besserer Ort, teilten alle Erdbewohner die Gemütsruhe und sachliche Herangehensweise an Probleme von Herrn Tobias Woitendorf aus Mecklenburg-Vorpommern. Bei Tribsees an der A20 zerbricht bekanntlich seit Monaten die Autobahn in kleine Betonstücke, was daran liegt, dass sie auf nachgiebigem Torf gebaut wurde, der keine harte Fahrbahn über sich mag. Nun aber sackt auch noch die Aushelfsumleitungsstraße an einigen Stellen weg, die den Verkehr in weiten Bögen um die Kraterlandschaft herumführt, nur weil sie natürlich auch auf losem Grund gebaut wurde. Was sagt Herr Woitendorf vom Landestourismusverband dazu? Er sagt, man müsse mit der Situation umgehen. Es werde das Fremdenverkehrsgewerbe an der Ostsee schon nicht so hart treffen.

Mit der Situation umgehen ist keine schlechte Idee. Wahrscheinlich sogar das Beste, was man tun kann, wenn man eigentlich gar nichts tun kann, weil man als Mensch den geologischen Kräften der Erde und der Nachgiebigkeit von Torf wenig entgegenzusetzen hat.

Doch was auf vorpommerschen Torf gelingen mag, muss nicht im Weserbergland funktionieren. Dort ist die Situation, mit der man gerade umgehen muss, eine ganze Umdrehung absurder: Entlang der Bundesstraße 83 im Kreis Holzminden bröseln die bis zu 80 Meter hohen malerischen Kalksteinfelsen, was gefährlich werden kann, zum Beispiel, wenn ein dicker Kalkbrocken aus, sagen wir 35 Metern Höhe, mir nichts, dir nichts auf die Straße kracht.

Dummerweise bröselt der Steilhang nicht nur und brütet Gefahren aus, er ist auch ein Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH) und der streng geschützte Lebensraum eines hübschen kleinen Falters mit zwei kuriosen Namen: der Spanischen Flagge alias Russischer Bär.

Ein Herr von der Straßenbaubehörde meinte kürzlich im NDR, natürlich könnte man Stahlnetze, Schutzzäune oder Felsanker einbauen, um Autofahrer oder Radler vor Steinschlag zu schützen. Nur gehe das eigentlich doch nicht, weil es den Fels erheblich beeinträchtigen würde. Also will man die B83 nun komplett sperren, was zwei Dörfer fast komplett von der bundesdeutschen Restwelt abschneiden würde.

Mit der Situation umgehen heißt im Weserbergland: Entweder die Bundesstraße 83 verlegen, womöglich mit zwei neuen Brücken über die Weser. Nachteil: Teuer, dauert lange. Oder man holt sich eine Ausnahmegenehmigung von der EU-Kommission in Brüssel und bis dahin bleibt die Straße eben für alle gesperrt. Zur Dauer gab die Straßenbaubehörde folgende Einschätzung ab: „Bis wir eine Antwort aus Brüssel erhalten und dann die Arbeiten ausführen, können fünf Jahre vergehen.“

Das ist dann eine Situation, mit der vermutlich auch seelisch ausbalancierte und charakterfeste Ostseeküstenbewohner, erfahren mit schwankendem Untergrund und zerbrechenden Autobahnen, nicht mehr umgehen könnten. Das wäre, käme es so: blanker Irrsinn.

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