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Times mager Allein

Ist ein Alleinunterhalter ein Mensch, der in einem Fremdenzimmer ein Selbstgespräch führt?

Kunst
Also, eins steht fest: Ein Alleinunterhalter unterhält die Gäste - und zwar ganz allein. Foto: Imago

Es gibt sicher viele Möglichkeiten, einen Pianisten zu beleidigen. Hier soll nur eine davon Erwähnung finden: „Guck mal, ein Alleinunterhalter“, murmelte jüngst ein Mann seiner Begleiterin zu, als die beiden durch die Bar eines gehobenen Hotels spazierten. Der Mann am Klavier, ein hörbar gut ausgebildeter Profi, konnte es zum Glück nicht hören, wegen seiner Musik, meistens Klassiker des modernen Jazz.

Andererseits könnte es auch eine Beleidigung für Alleinunterhalter sein, wenn man es als Beleidigung für Jazzpianisten ansieht, dass jemand sie Alleinunterhalter nennt. Muss ein Jazzpianist wirklich etwas Besseres sein als ein Alleinunterhalter?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, vor allem, wenn die empirische Basis lückenhaft bleibt, weil sich die Erfahrung mit Alleinunterhaltern auf insgesamt zwei Hochzeitsfeiern beschränkt. Wiederum andererseits: Lässt man diese Erfahrungen als Stichproben gelten, dann darf vermutet werden, dass der Alleinunterhalter hier und da eher durch andere Eigenschaften besticht als durch eine musikalische Ausbildung mit allen Finessen, zum Beispiel durch gute Laune plus Rhythmusmaschine.

Das ändert nichts daran, dass Alleinunterhalter ein sehr schönes Wort ist. Atmet es nicht auf berührende Weise den Hauch des Altmodischen? Ja, das tut es, ungefähr so wie „Fremdenzimmer“. Und dennoch: Glaubt man dem Internet, erfreut sich der Alleinunterhalter, der übrigens in der weiblichen Form seltener anzutreffen ist, quer durch die Generationen größter Beliebtheit.

Für alle, die immer noch meinen, es handele sich um einen Menschen, der in einem Fremdenzimmer ein Selbstgespräch führt, sei hier Wikipedia zitiert: „Ein Alleinunterhalter ist ein Unterhaltungskünstler, der ohne Mitwirkung anderer Personen ein Unterhaltungsprogramm darbietet.“ Herrlich! Nur zur Ergänzung für diejenigen, die nun wieder mit dem Fremdenzimmer fremdeln: Ein Fremdenzimmer ist ein Zimmer, in dem Fremde eine Unterkunft finden.

Die Hauptsache aber ist, dass die schönen alten Wörter nicht verschwinden. Wer weiß, vielleicht trägt ja sogar das Internet dazu bei? War der Alleinunterhalter womöglich schon dem Untergang geweiht, weil nur die Älteren ihn noch aussprachen, und das hinter vorgehaltener Hand? Hat es ihn gerettet, dass er nun, ohne Scheu benannt wie alles im Internet, Wiederauferstehung feiern darf? Hätte sich irgendjemand, abgesehen vom Internet, jemals getraut zu fragen: „Wie viel Platz braucht ein Alleinunterhalter?“

Zwei mal zwei Meter wären schon gut, sagt das Internet. Andererseits: Da bringen Sie auch einen Jazzpianisten unter.

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