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Times mager Akribie

Was eigentlich hat die Menschheit von Rekorden? Oder Wettrennen? Ist es nicht besser, die Sauklaue Senckenbergs entziffern zu können?

Süßigkeiten
„Papa schlumpf was soll ich sagen die klebrige konsistenz der künstliche geschmack alles insgesamt sehr sehr geil eine legende 9/10“, schreibt der Fachmann. Foto: imago stock&people

Es mag großartig sein, die 100 Meter in weniger als 9,59 Sekunden rennen zu können, aber was hat eigentlich die Menschheit davon? Auch schön, wenn einer gut kickt oder schnell mit dem Auto fährt, ohne sich selbst beziehungsweise den Nächsten vom Leben zum Tod zu bringen. Aber muss man diesen Leuten dafür haufenweise Geld geben?

Wahre Heldentaten erkennt man doch am Nutzen für die Allgemeinheit. Hier: Seit 2010 ist eine Dame damit beschäftigt, die Tagebücher zu entziffern, die der Naturforscher Johann Christian Senckenberg (1707–1772) in einer derartigen Sauklaue hinterließ, dass einzig besagte Dame überhaupt einen zusammenhängenden Sinn darin erkennt. 38 000 Seiten. Das kann noch dauern.

Oder hier: Bei der Fachzeitschrift „Rolling Stone“ hat sich jemand die Mühe gemacht, alle 73 Songs zu bewerten, die die britische Band The Smiths in den leider nur fünf Jahren ihres Bestehens veröffentlichte. 73 mag dünn klingen, besonders im Vergleich zu Senckenbergs Tagebüchern, aber hören Sie die mal alle durch, versehen sie mit Videoclips und exzerpieren die besten Textstellen, von Platz 73 („Accept Yourself“, Top-Stelle: „I am sick and I am dull and I am plain“) bis Platz 1 („There Is A Light That Never Goes Out“, beste Stelle: „If a ten-ton truck / Kills the both of us / To die by your side / Well, the pleasure, the privilege is mine“).

Die Bewertung der gemischten Tüte

Man kann natürlich kritisieren, dass „Unhappy Birthday“ in der Liste nur auf Platz 45 liegt. Aber bitte, die Smiths haben sich vor 30 Jahren getrennt, da gehen die Meinungen über Details inzwischen auseinander.

Unstrittig dagegen die fulminante Leistung eines Twitter-Nutzers mit dem Pseudonym Matte Haari. Er kaufte am Wasserhäuschen eine gemischte Tüte und bewertete jedes einzelne Gummiding mit Kommentaren wie: „Papa schlumpf was soll ich sagen die klebrige konsistenz der künstliche geschmack alles insgesamt sehr sehr geil eine legende 9/10“. Und komplett ohne Punkt und Komma. Anschließend lobte er sich selbst („ohne mich wäre das alles nicht möglich gewesen“), ehe er konstatierte: „Mache mir TIERISCH sorgen mit meinem bunte tüte grind hier so ein luke mockridge publikum angezogen zu haben“.

Dieser Text samt 73-Videoclips-Recherche wurde an einem zehn Jahre alten PC verfasst, der währenddessen unbedingt seine wöchentliche Datensicherung ausführen musste. So viel zum Thema Akribie im Dienste der Allgemeinheit. Gern geschehen.

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