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Times mager „Abrogans“

In einer Bibliothek in Österreich soll das angeblich älteste deutsche Buch aufgefunden sein. Die Legendenbildung ist bereits perfekt.

Abrogans-Fragmente
Das Bild zeigt die beiden Seiten eines Abrogans-Fragments. Foto: dpa

Vor Jahr und Tag, als Bücher noch nicht mit spitzen Fingern angefasst wurden, sondern eher bedächtig, dabei Seite um Seite neugierig umgeblättert wurden, da wurde manche Publikation zum Fundort, gelegentlich auch zu einer Sensation, keine Frage.

Nun, weniger bedächtig, eher zupackend wurde soeben ein „Sensationsfund“ vermeldet, als Fundort wird das Stift Admont, dessen Benediktinerbibliothek genannt, wo zwei Seiten eines uralten deutsch-lateinischen Wörterbuchs entdeckt wurden, dem Alter entsprechend auf Pergament. Einem Handschriftenexperten, eigentlich auf der Suche nach hebräischen Fragmenten, kam 2012 eine Schachtel unter die Augen, darin verborgen Wörter in der Schriftart der karolingischen Minuskel, womöglich also aus der Zeit Karls des Großen (768 – 814), so dass ein Alter von rund 1200 Jahren angenommen werden darf.

Was wahrhaftig vor Jahr und Tag geduldig auf Pergament festgehalten wurde, Wort für Wort, und sich als „Abrogans“ einen Namen gemacht hat (nicht wegen einer sensationellen Auflage, aber als deutsche Bearbeitung einer lateinischen Synonymensammlung, benannt nach dem ersten lateinischen Stichwort), blieb in drei alemannischen Umarbeitungen erhalten, wie man sich gern in althochdeutschen Seminaren erinnert, wo es, warum sollte es heute anders sein als früher, regelmäßig zu einem Quiz kommt.

Nun, dieses althochdeutsche Quiz, das sich natürlich wissenschaftlich klären lässt, wurde jetzt hochaktuell beantwortet – das „Abrogans“-Fragment praktisch mit einem Federstrich zum ältesten deutschen Buch erklärt, die „Merseburger Zaubersprüche“ oder das „Hildebrandslied“ hin oder her, obwohl beide nicht etwa Wörterbücher, sondern vielmehr gebundene Worte, Epen sind. Die „Zaubersprüche“, durch und durch heidnisch geprägt, entstanden vor 750, und das „Hildebrandslied“ wohl um 810. Legendär der erste Vers der Heldensage: „Ik gihorta dat seggen“ – Ich hörte davon berichten. Von diesem nicht so sehr sensationsheischenden als vielmehr seriösen Auftaktsatz hat sich im Laufe von 1200 Jahren der eine oder andere Autor freigemacht. Auch das Nachrichtenwesen.

Sensation! Aber wer spricht vom „ersten deutschen Buch“? Die Bibliothekarin im Benediktinerkloster? Frei nach dem Motto: „Ik gihorta dat seggen“ – Ich hörte davon berichten? Was man bisher zu hören bekommt, wird’s ganz bestimmt eine sagenhafte Woche. Oder war’s das bereits an Sensationellem. Das ja, im Unterschied zum Seriösen, etwas ungemein Unterkomplexes hat. Darüber vergeht die Zeit.

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