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Times mager Abkürzungen

Wer nicht als Billy The Kid gehen darf (Mama: Schusswaffengegnerin), hat ein Problem. Es ist aber lösbar.

Kostüm
Als zwangsverkleidetes Gespenst ist es schwer, im Feuergefecht am Nachmittag zu überleben. Foto: Imago

Als Knabe sah man die Welt mit größeren Augen. Mag sein, dass deshalb mitunter die Maßstäbe verschwammen. Nicht die eigenen; die der Erziehungs- und Weisungsberechtigten.

Nahm man etwa die völlig naheliegende Abkürzung aus der Grundschule in den Hort – hinterer Schulhofausgang, über den Spielplatz Pilz in Richtung Turnvereinsgaststätte, vor dem Lokal aber rechts ab in die Kleingartenanlage, dort durch das Abenteuergebüsch wieder raus und ganz nah ran an den Schrottplatz mit dem Hundezwinger, in dem die sieben reißenden Bestien wüteten, die jederzeit (jederzeit!) ausbrechen und uns zerfleischen konnten, anschließend im Bogen hinterm Sportplatz vorbei zum Hortgelände, das aus dieser Richtung nur noch kletternd über eine siebzehn Meter hohe Mauer zu erreichen war (die Jahre später bei nostalgischer Inaugenscheinnahme plötzlich nur noch einsvierzig hoch zu sein vorgab) – ging man also diesen eindeutig kürzesten Weg, statt durch das Hauptportal die Schule zu verlassen, rechtslinks und rein in den vorderen Horteingang, dann war das natürlich auch wieder nicht richtig, dann kamen wieder diese lästigen Fragen, wo wir um alles in der Welt drei Stunden lang gewesen seien, es habe nicht viel gefehlt und Polizei, Feuer-, Bundeswehr, Haftstrafen nicht unter drei Tagen Fernsehverbot und nix gute Führung, mein lieber Schwan!

Aus heutiger Sicht mag der Aufwand verblüffen, den der kleine Mensch von einst betrieb, um gewisse Sachlagen zu vermeiden. Aber ein kompromittierendes Fastnachtskostüm? Da war natürlich jedes Gegenmittel opportun. Als zwangsverkleidetes Gespenst oder gedungener Ölscheich konntest du im Feuergefecht am Nachmittag nicht überleben. Da musstest du, logisch, aus dem Hort heimlich über die Straße rennen, bei Frau L. klingeln, Kellerschlüssel bitte, danke, im Keller den für Notfälle deponierten Wohnungsschlüssel holen (und hallo, war das etwa kein Notfall?), den im Schlafzimmerschrank versteckten Revolver hervorwühlen (Mama: Schusswaffengegnerin), noch flugs ins Schreibwarengeschäft, Zündplättchen kaufen, und peng, Billy The Kid. Beziehungsweise Hortleiterin und GSG9 vor der Tür, wo warst du drei Stunden, Beschlagnahme der Waffe.

Etwas leichter ging es, fünf Minuten im Bad mit dem Wasser herumzuplätschern, um nach außen die Illusion zu erzeugen, man putze sich vorschriftsgemäß die Zähne. Warum man sich stattdessen nicht einfach die Zähne putzte, kann der Erwachsene, der trotz allem noch Zähne hat, heute nicht mehr nachvollziehen. Aber der würde seine Kinder ja auch eiskalt als Gespenster in die Fastnacht jagen.

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