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Radetzky-Marsch 170 Jahre Radetzky-Marsch

Wer die Österreicher um den Radetzky-Marsch traditionell beneidet, kann sich abkühlen, wenn das Publikum beim Wiener Neujahrskonzert mitklatscht.

Radetzky
Das Radetzky-Denkmal in Wien. Foto: Imago

Heute vor 170 Jahren wurde er zum ersten Mal gespielt. Hören wir mal rein. „Die herben Trommeln wirbelten, die süßen Flöten pfiffen, und die holden Tschinellen schmetterten. Auf den Gesichtern aller Zuhörer ging ein gefälliges und versonnenes Lächeln auf, und in ihren Beinen prickelte das Blut. Während sie noch standen, glaubten sie schon zu marschieren. Die jüngeren Mädchen hielten den Atem an und öffneten die Lippen. Die reiferen Männer ließen die Köpfe hängen und gedachten ihrer Manöver. Die ältlichen Frauen saßen im benachbarten Park, und ihre kleinen, grauen Köpfchen zitterten. Und es war Sommer.“

Nicht nur Joseph Roth im „Radetzkymarsch“ kannte sich aber mit dem Radetzky-Marsch aus, komponiert von Joseph Strauss d. Ä., alle Bewohner des Habsburger Reiches kannten sich damit aus, und bis heute kennen sich eigentlich alle Bewohner der westlichen Hemisphäre damit aus.

Wer denkt, er kenne sich nicht damit aus, der schaut sich z. B. die alte Markenerbsenwerbung an, in der in diesem Falle Maiskölbchen aufmarschieren. Die Maiskölbchen, die vorbeiziehen, während ein Chor den Radetzky-Marsch singt (ja der Mais, ja der Mais, ja der Mais kommt an, ja der Mais, ja der Mais, der schmeckt jedermann), sind mit Sicherheit zart und schmackhaft.

So ist es mehr als ärgerlich, dass der Monopollebensmittelmarkt in Frankfurt die Maiskölbchen jener Markenfirma aus dem Sortiment genommen hat. Diesmal womöglich endgültig. Zuvor spürte man das Zögern der Unternehmer. Wie wird die Bevölkerung reagieren? Aber das führt jetzt zu weit. Aber der Monopollebensmittelmarkt wird schon sehen, was er davon hat.

Es war seit jeher die fatale Eigenschaft des Radetzky-Marsches, einen bewaffneten Konflikt wie einen frohen Sonntagnachmittag ausschauen zu lassen. Seltsam muss es sein, wenn so ein Titel permanent in allen Ohren ist. In den Stücken Ödön von Horváths erklingt er im Vorder- und Hintergrund, in Haseks „Schwejk“ singt ein deutschsprachiger Feldwebel Inserate auf seine Melodie. Es ist schwierig, Inserate auf den Radetzky-Marsch zu singen, bei allem Respekt vor seiner Geschmeidigkeit. Der Feldwebel wechselt zu „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“. Was für ein Trottel.

Wer die Österreicher um den Radetzky-Marsch traditionell beneidet, kann sich abkühlen, wenn das Publikum beim Wiener Neujahrskonzert mitklatscht. Es gab Dirigenten, die diese Entgleisung zu unterbinden versuchten. Vergeblich. Unklar scheint ferner, was gemeint ist, wenn ein volltrunkener Oberstleutnant in Karl Kraus’ „Letzten Tagen der Menschheit“ ins Leere sagt: „Heut trommel ich auf dein’ Kakadu den Radetzkymarsch“. Aber es bedeutet gewiss nichts sittlich Hochstehendes.

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