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Hilmar Hoffmann Kulturpolitiker mit robuster Grandezza

Frankfurts verstorbener Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann war nicht nur seinen Aufgaben, sondern auch seinen Ansprüchen gewachsen. Ein Abschied.

Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann
Hilmar Hoffmann 1997 als Präsident des Goethe-Instituts, vor einem Porträt des Dichters. Foto: dpa

Man muss nicht Zeuge gewesen sein, um zu wissen, dass es eine große Zeit war, seine Zeit, für Frankfurts Kulturpolitik eine besondere Zeit, wohl auch eine glückliche, sicherlich eine günstige. Hilmar Hoffmann hat sie zwei Jahrzehnte geprägt, als er, aus dem Ruhrgebiet kommend, 1970 in Frankfurt ankam. An diesem besonders hitzigen Spekulationsstandort hat Hoffmann als Kulturpolitiker über den Tag hinaus spekuliert, vor allem mit robuster Grandezza. Er verfügte über Timing sowie über finanziell fürstliche Bedingungen. Hoffmann war bei seinen heute sagenumwobenen Taten im Magistrat, in Verhandlungsrunden, in Hinterzimmern geradeheraus auf Großtaten aus, und deshalb sah er die Gegenwart nicht nur als Gegenwart an. Die Gegenwart war das Durchgangsstadium in eine bessere Zukunft.

Dabei gründete er in der Tradition. Bildung als ein Anliegen der Arbeiterbewegung war dem Sozialdemokraten bewusst. Deshalb investierte auch Hoffmann in die kulturelle Erziehung – nicht nur der SPD, sondern der Stadt. 1970 ein Kommunales Kino, dazu Stadtteilbibliotheken, ins Spektakuläre griff er dann, gemeinsam mit dem CDU-Mann und Oberbürgermeister Walter Wallmann, durch den Bau des Museumsufers aus. 

Wenn seitdem der Begriff des „kulturellen Kapitals“ auf den Straßen ebenso wie in den Salons zitierfähig wurde, dann ganz bestimmt mit dem Fingerzeig auf die Verhältnisse in Frankfurt. 
„Kultur für alle“: Hinter der Losung stand für den Goetheenthusiasten Hoffmann 1979 ein Programm zur ästhetischen Erziehung, wie es bereits die Weimarer Klassik im Sinn gehabt hatte, ein Sinnstiftungsprogramm. Dabei war Hoffmans Postulat „Kultur für alle“ nicht nur eine Zeitgeistparole, es war durchaus unzeitgemäß, weil es die anspruchsvollen Künste ebenso ernst nahm wie die Soziokultur. Kulturpolitik, so pompös sie war, war kein Selbstzweck, sondern die Dienstleistung, um dem Talent den ersten Auftritt und den Ausnahmeerscheinungen die große Bühne zu verschaffen. 

Als politischer Kopf war Hoffmann selbst eine Ausnahmeerscheinung. Er war viel zu sehr Demokrat, um sich den Gesetzen der Sozialdemokratie unterzuordnen. Was hat der SPD-Mann Koalitionen mit anderen Parteien geschmiedet. Obendrein war er viel zu sehr Demokrat, um nicht auch zu wissen, dass gerade die Sozialdemokratie ein schwieriges, wenn nicht gestörtes Verhältnis zur Form hat, zum Formverständnis, zum Formwillen. 

Begegnete man Hilmar Hoffmann, so traf man auf einen vornehmen Mann. Stilwille nicht als Selbstzweck, sondern aus Prinzip. Kultur, so wusste er, ist nicht zwangsläufig stilbildend, aber doch ein Angebot, um die feinen Unterschiede zu leben. 

Wenn er sich in Frankfurt noch als über 90-Jähriger für den Neubau eines Weltkulturen-Museums stark gemacht hat, dann ebenfalls aus Prinzip (weil er sich für seine Prinzipien immer vehement eingesetzt hat). Bis zuletzt hat er das Weltkulturen-Museum als Schlussstein des Museumsufers betrachtet, weil er darin ein Bildungsangebot für eine verunsicherte Gesellschaft sah.

Zu seinen Visionen über den Tag hinaus zählte das historische Vermächtnis der Aufklärung: Toleranz für alle. Hilmar Hoffmann war eine Macht. Wie er nicht nur seinen Aufgaben, sondern seinen Ansprüchen gewachsen war, war er groß.

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