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Freizeit 108 Tage

Münzgeld in genormtes Papier rollen? Die Sockenschublade aufräumen? Was tut der Mensch, wenn er plötzlich mehr Zeit hat? Die „Times mager“-Kolumne.

Was man mit 15 Minuten Zeit fürs Üben jeden Tag erreichen könnte ... Foto: Nicolas Bruckmann

Was tut der Mensch, wenn er plötzlich weiß, er hat nun 108 Tage mehr Zeit? Nicht insgesamt noch 108 Tage zu leben, sondern 108 Tage zusätzlich zur Verfügung, als Freizeit, bis zu einem weiterhin nicht festgelegten Datum des Ablebens.

Einhundertundacht Tage sind keine Ewigkeit. Er könnte versuchen, einige der Bücher zu lesen, die auf dem Irgendwann-mal-Stapel liegen. Alle Mitgliedermagazine auf dem Nachbarstapel. Die Fenster putzen. Eisschrank abtauen. Auf der Straße bei jeder Miezekatze doppelt so lang wie bisher zum Kraulen stehenbleiben. Die 24 Einträge in der Erinnerungen-App abarbeiten. Den Keller aufräumen und sich tapfer den Kreaturen stellen, die inzwischen Besitz ergriffen haben vom Gut und Hab, das der Mensch vor vielen Monden offenbar vergaß im kühlen Verlies. Jahrelang angehäuftes Münzgeld wieder wie früher fünfzigstückweise in genormtes Papier rollen, kontemplativ, statt es aus der Sammeldose profan in einen dieser neuartigen Geldautomaten zu kippen.

Oder: Er könnte sagen, er wolle nun regelmäßig eine Tranche seiner 108 Tage investieren, um alles in Schuss zu halten. Etwa jeden Tag drei Minuten fürs Fensterputzen, fünf für den Keller, acht fürs Löschen vergammelter E-Mails, zehn für die Katz, elf Minuten fürs Lesen zusätzlicher Literatur, zwölf fürs Hören zusätzlicher Musik, fünfzehn fürs Üben zusätzlicher Gitarrenschwierigkeiten, siebzehn fürs Zubereiten vernünftigerer Nahrung.

Was täten andere Leute? Er/sie würde ganz viele Serien schauen, schreibt „MyDeadEnd“ bei gutefrage.net. „Ich würde mindestenz 24 h nur pennen weil das ist mein liebstes hobby“, schreibt „Bloody“, beide natürlich nicht auf die Originalfrage, sondern auf die Optionen a) ganz viel Zeit haben respektive b) 48-Stunden-Tag.

Die 108 Tage gelten freilich nicht ab jetzt. Sie gelten fürs ganze Leben, von Geburt an. Es bleibt also nur der jeweilige Anteil, der nicht schon verplempert wurde mit blödsinniger Computerspielerei. Man könnte ihn durch das Verringern blödsinniger Computerspielerei aber wieder auf 108 bringen, fällt dem Menschen gerade ein, und wenn er es schafft, übertrieben lang zu leben, vielleicht auch auf mehr als 108 Tage. Dann bliebe eventuell sogar noch Zeit für die Sockenschublade.

Eine Wiener Firma hat die vollautomatische Zahnbürste entwickelt. Man steckt sie ins Gebiss, und sie putzt sämtliche Zähne auf einmal. Das nehme zehn Sekunden in Anspruch, schreibt die Firma, und dass der herkömmliche Mensch 108 volle Tage in seinem Leben nur mit dem Zähneputzen verbringe. Die zehn Sekunden müssen wir übrigens abziehen, morgens und abends. Da geht noch mal eine Woche flöten.

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