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Deutsche Bahn Wie kann man Wolfsburg vergessen?

Schon wieder hat ein Lokführer die niedersächsische Stadt Wolfsburg vergessen und ist mit seinem ICE am Bahnhof vorbeigesaust. Was tun?

Durchfahrender ICE
Und vorbei: Wieder ist ein ICE an Wolfsburg vorbeigedonnert. Foto: imago

Jill Price wäre so etwas nie passiert. Ihr nicht. Sie ist Amerikanerin, 51 Jahre alt und kann sich seit dem 5. Februar 1980 an alles erinnern, was sie erlebt hat. Alles. Lückenlos könnte sie erzählen, was am 3. Mai 1988 los war, welcher Tag, welches Wetter, ob ein Nachbar den Rasen mähte. Oder am 1. Dezember 2009. Man müsste sie nur fragen. Hyperthymestisches Syndrom heißt das, was sie hat oder wie sie selber sagen würde: ist. Sie kann einfach nichts vergessen. Leider ist sie keine deutsche Lokführerin, unterwegs zwischen Berlin und dem Ruhrgebiet und Rheinland. Aber vielleicht macht ihr die Bahn ja ein Angebot. Ihre wäre nicht passiert, was angeblich zum 5. Mal seit 2011 geschah: Ein Lokführer hat Wolfsburg vergessen. Ist einfach mit seinem ICE durchgerauscht.

Wie kann man Wolfsburg vergessen? Kein Lokführer hat bislang Bielefeld vergessen, von dem einige behaupten, es gäbe die Stadt gar nicht. Aber Wolfsburg gibt es. Es hat einen Bahnhof und dahinter eine Autofabrik mit Stadt. Natürlich hat sich die Bahn entschuldigt. Aber was nützt das, wenn der nächste Lokführer durchrauscht und erst in Braunschweig merkt, dass da was auf den Wiesen war, ach ja…

Die Sache ist nicht aussichtslos. Gott sei Dank kann die Erinnerungs- und Vergessensforschung der Bahn helfen. Ein Vorschlag aus dem Werkzeugkästchen der Hirnexperten: Man sollte Wolfsburg umbenennen. Bereits 1885 entdeckte der Wissenschaftler Hermann Ebbinghaus beim Auswendiglernen sinnloser Silben wie ZYM oder WOB, dass 20 Minuten danach 40 Prozent vergessen und nach einem Tag 66 Prozent futsch waren. Bahnintern sollte man sich also darauf verständigen und das in den Fahrplänen auch so halten, dass nach Berlin und vor Braunschweig der Ort Bremsendlich kommt. Oder Menschhaltan. Oder Dawardochwas.

Außerdem: Was hilft, ist frühes Lernen. Nach Théodule Ribot wäre der Bahn zu raten, nur junge Lokführer auf die heikle Strecke zu schicken. Nach dem Ribot’schen Gesetz von 1882 bleibt das früh Erlernte am längsten im Kopf. Hilft auch das nicht, gäbe es noch die germanische Methode, aus welcher der Satz vom „hinter die Ohren schreiben“ entstanden ist. Damals war es so, dass bei Grenzfestlegungen gerne ein Knabe mitgenommen wurde, der beim Betrachten der Lage der Grenzsteine eine schallende Ohrfeige bekam, die ihm das Gesehene ins Hirn einbrannte.

Auch darüber sollte man bei der Bahn nachdenken. Aber vielleicht erst, wenn die modernere Gedächtnisforschung versagt hat. Es fände sich bestimmt ein hilfsbereiter Wolfsburger, der einmal aussteigen wollte.

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