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Bayreuth Bayreuths Kult-Lokal „Eule“

Das Bayreuther Künstler-Lokal ist nicht mehr das, was es war. Das Bayreuther Publikum aber auch nicht. Unsere Kolumne „Times mager“.

Zanderfilet
In der Eule geniert sich, wer statt „Sentas Traum“ schlicht ein Zanderfilet bestellt. Foto: imago

In der Eule vorbestellt. Der Taxifahrer, Grieche von Geburt und Oberfranke aus Leidenschaft („ganz Norddeutschland macht bei uns Ferien“), erklärt allerdings geradeheraus, dass die Eule nicht mehr ist, was sie war. Was die Eule war, ist heute Oskar. Aber: „Es gibt Menschen, die haben Jugenderinnerungen an die Eule und wollen noch einmal hin“, sagt der Taxifahrer, das verstehe er, und zwinkert freundlich in den Rückspiegel.

Nun, in der Eule aß bekanntlich schon Richard Wagner herzhafte Fleischgerichte. Auch sein Sohn Siegfried Wagner kam dann gerne hierher. Auch dessen Söhne Wolfgang und Wieland Wagner kamen dann gerne hierher, und sie hatten in ihrem Schlepptau Generationen von Bayreuth-Künstlern. Also zwei Generationen von Bayreuth-Künstlern. Also mindestens eine, die aber dafür komplett. Die Wirtin hieß in den großen Tagen Anna Meyer, sie kochte legendär, und ihr Dialekt half ihr, Standesgrenzen jeder Art wegzurempeln. Die standesbewussten Menschen liebten es, ihre Standesgrenzen nach der „Walküre“ für zwei Stündchen zu öffnen. Ihre Nachfolgerin seit 1967, Johanna Heise, war erneut recht erfolgreich. Später lief es offenbar nicht mehr so gut. Nach Schließung, Leerstand und Gebäudegrundsanierung ist seit fünf Jahren wieder offen.

Wer vor 30 Jahren, also 35 Jahren zum letzten Mal hier war, der hat einiges davon nicht mitbekommen. Es fällt aber schon auf, dass es sehr hell ist. Die Fotos an den Wänden sind gut zu sehen. Wagner-Sängerinnen schauen melancholisch ins Ungewisse, Tenöre keck auf den Betrachter, Bässe mit scharfem göttlichen Blick durch ihn hindurch. Wenigstens an der Ästhetik der Künstlerporträts hat sich praktisch nichts geändert. Man erkennt außerdem einen Beckmesser (Klampfe), eine Brünnhilde (Helm), Rheintöchter (drei). Das letzte Bild wurde vor der Durchsetzung der Farbfotografie signiert. Die Blumen auf dem Tisch sind dafür dermaßen bunt, dass es gilt, sie in einem unbeobachteten Moment sanft zu knüllen (alles echt!). Dazu bestellt der Mutige eine Nibelungensuppe und anschließend „Sentas Traum“. Da geniert man sich aber so, dass man einfach Zanderfilet dazu sagt. Die Kellnerin versteht, was gemeint ist. Sie weiß alles über die Eule, auch wie es hier vor 30, also 35 Jahren aussah. Sie sei auch schon älter, sagt sie lächelnd.

Wäre man hier nicht in Bayreuth, hätte man an diesem Abend mit Fug und Recht sagen können: „Heut haben Sie ein altes Weib aus mir gemacht!“ Wie die Dinge lagen, begleitete den letzten Schluck aus dem Bocksbeutel das Gejammer, dass heutzutage selbst nach dem 1. „Parsifal“-Aufzug unbedarft applaudiert wird. Beim Schlingensief gab’s das noch nicht.

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