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Times mager Freiheitlich

Krisen sind niemals nur die Stunde der Wahrheit, sondern auch Geburtshelfer neuer Lügen und Legenden. Eine soll ein Gedicht von niemand geringerem als Kurt Tucholsky sein. Von Christian Schlüter

Dr. Christian Schlüter arbeitet in der Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Bekanntlich haben wir gerade eine Banken- und Finanzkrise. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn die ganze Angelegenheit nicht auch einige Nerven kosten würde. Klar, das nach guter alter liberaler Tradition auf den Eigennutz gegründete Allgemeinwohl ist in Gefahr, und das betrifft keineswegs nur ganz abstrakt die Staatsraison genannte Aufrechterhaltung politischer Autorität oder gar Souveränität, sondern sehr viel direkter und konkreter die Portemonnaies aller.

Aber das ist noch nicht alles. Nerven kosten auch die in Massen auftretenden Bescheidwisser und Habe-ich-doch-immer-gesagt-Sager. Krisen sind niemals nur die Stunde der Wahrheit, sondern auch Geburtshelfer neuer Lügen und Legenden. Eine kursiert zur Zeit unter dem Titel "Wenn die Börsenkurse fallen" und soll ein Gedicht von niemand geringerem als Kurt Tucholsky sein.

Ein Auszug: "Wenn in Folge Banken krachen, / haben Sparer nichts zu lachen, / und die Hypothek aufs Haus / heißt, Bewohner müssen raus. // Trifft's hingegen große Banken, / kommt die ganze Welt ins Wanken - / auch die Spekulantenbrut / zittert jetzt um Hab und Gut!" Hat Tucholsky alles schon gewusst? Und erleben wir heute nur ein Revival der Weltwirtschaftskrise von 1929 - das Gedicht soll immerhin 1930 in der "Weltbühne" erschienen sein?

Falsch. Der Text findet sich ursprünglich auf der Website eines gewissen, "freiheitlich" gesinnten Pannonicus (www.genius.co.at/index.php?id=165), der mit richtigem Namen Richard G. Kerschhofer heißt, öfter für die deutlich rechts angesiedelte österreichische Zeitschrift "Zeitbühne" schreibt und wohl auch gewisse Sympathien für die FPÖ hegt. Hätte Tucholsky zum Beispiel jemals von der "Spekulantenbrut" gesprochen oder klingt hier nicht vielmehr ein völkisches Ressentiment an? Ist ja nur 'ne Frage…

Tucholsky war da schon weiter. 1930 erschien in der "Weltbühne" unter dem Pseudonym Theobald Tiger sein Gedicht "Die freie Wirtschaft" und machte die Leser mit dem Klassenstandpunkt vertraut: "…merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird? / mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird? / Komme, was da kommen mag. / Es kommt der Tag, / da ruft der Arbeitspionier: / Ihr nicht. / Aber Wir. Wir. Wir."

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