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Thomas Schütte "Figur" Fondation Beyeler Gefesselte Riesen, gewitzte Zwerge

Das Bittere neben dem Albernen: Die Fondation Beyeler bei Basel widmet dem Bildhauer Thomas Schütte die große Ausstellung "Figur". Die Schau zeigt eine Auswahl von Arbeiten aus dreißig Jahren.

05.11.2013 10:42
Peter Iden
Thomas Schütte, "Hase", 2013 Foto: Andri Pol / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Das Bittere neben dem Albernen: Die Fondation Beyeler bei Basel widmet dem Bildhauer Thomas Schütte die große Ausstellung "Figur". Die Schau zeigt eine Auswahl von Arbeiten aus dreißig Jahren.

Der Auftakt gleicht einer Überwältigung: Thomas Schütte trumpft im Foyer von Renzo Pianos Museum der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel auf mit zwei bedrohend mächtigen Skulpturen, fast vier Meter hoch, jede bestehend aus zwei Gestalten nach Menschenart aber jenseits menschlicher Maße, ab etwa der Kniehöhe auf Stelzen.

Das Besondere an diesen bronzenen Riesen ist, dass sie paarweise auf das Engste aneinander gefesselt sind, verschnürt zu einem Körper mit immer noch zwei Köpfen, die Augenhöhlen allerdings leer oder wie mit Korken verstöpselt. Thomas Schütte nennt die vor zwei Jahren geschaffenen Skulpturen „United Enemies“ („Vereinte Feinde“) – das kann politisch verstanden werden: als Bild für das zwanghafte Ineinander widersprüchlicher Positionen. Schon im Jahre 1993 hatte der Künstler sich mit dem gleichen Motiv beschäftigt, die Lösungen von damals waren von wesentlich kleinerem Format und aus einem leichter als Bronze handhabbaren Material (Knetmasse, Holz, Stoff).

Der Wechsel des Formats und des Werkstoffs – vom Kleinsten ins Größte, vom Leichten zum Schweren – erzählt auch etwas über den Erfolg Schüttes, der sich inzwischen auf dem internationalen Markt gut behauptet: Die Monumentalität ist nicht zuletzt eine Folge der Aufträge für Figuren im öffentlichen Raum. 1954 in Oldenburg geboren, studierte er zwischen 1973 und 1981 an der Düsseldorfer Akademie, einer seiner Professoren war Gerhard Richter. Ein gemaltes Selbstporträt von 1975 zeigt einen eher unfroh-skeptischen Jüngling, langhaarig, mit dunkler Sonnenbrille, hinsichtlich der Zukunft offenbar ohne Erwartung.

Es lässt sich von dieser frühen Selbstdarstellung, nicht frei von Bitterkeit, ein Bogen spannen zu dem 2011 entstandenen „Denkmal für den Unbekannten Künstler“. Schütte hat dafür den bronzenen Kopf eines uralten Mannes auf ein Podest aus Stahl gesetzt, neben dem zerfurchten Haupt links und rechts zwei wie zu einer Gebärde der Ohnmacht erhobene Arme – eine zuversichtliche Vorstellung von dem, was Kunst und Künstler bedeuten könnten, sähe anders aus. Aber schöne Aussichten sind Thomas Schüttes Sache nun gerade nicht. Gravierender ist der Einwand, dass er die Verstümmelungen vieler seiner Figuren, der Riesen und der Zwerge, als nur äußerliche Effekte einsetzt: Sie bleiben seltsam schmerzfrei.

Gewisse Gewitztheit

Eine gewisse Gewitztheit jedoch geht ihm nicht ab. So trägt etwa einer der Reihe kleiner „Krieger“ (von 2007) als ironisierende Kopfbedeckung einen Flaschenverschluss. Und die wieder mehr als mannshohen Gestalten der „Vier Großen Geister“ (2003) in schwarz patinierter Bronze bestehen von Kopf bis Fuß aus wulstigen Drehungen, die sie erscheinen lassen wie das dicke Kerlchen der Werbung für Michelin-Reifen. Reichlich albern auch der monumentale „Hase“, eine Skulptur aus diesem Jahr, der wasserspeiend im Teich des Parks hinter dem Museum hockt, allerdings dem Esel, zu dem Zettel im „Sommernachtstraum“ wird, näher als einem Meister Lampe.

Es ist im Katalog der Ausstellung in Riehen, die sich lapidar einfach „Figur“ nennt und eine Auswahl von Arbeiten aus dreißig Jahren bietet, viel von Thomas Schütte als Schöpfer von zeitgenössischen Menschenbildern die Rede und es werden, um die These zu stützen, in benachbarten Räumen aus der hauseigenen Sammlung sogar Werke von Picasso, Giacometti und Bacon zitiert – solche Vergleiche tun Schütte nicht gut, für die erste Reihe der Bildhauer mangelt es dem Werk an Tiefe, vor allem an Dringlichkeit.

Das gilt auch für die in das Zentrum der Ausstellung gerückten Darstellungen liegender oder halb sich aufrichtender Frauenkörper. Sie werden auf stählernen Tischen präsentiert, wie aufgebahrt. Das Material wechselt, Schütte verwendet hier neben Stahl auch Bronze und poliertes, in der Wirkung silbriges Aluminium. Die meist beinlosen Körper nehmen unterschiedliche Haltungen ein, mal erheben sich Kopf und Oberkörper, mal presst der Leib sich auf die Fläche des Stahltischs. In jedem Fall gilt Schüttes Aufmerksamkeit vor allem den Köpfen der Frauen, anders als im Fall der meist stark verformten Gesichter der Skulpturen von Männern eignet den weiblichen Physiognomien manchmal ein Ausdruck einnehmender Lieblichkeit.

Es gibt da eine Zartheit, die gleichsam die andere Seite des Künstlers Schütte ist. Sie bringt sich besonders in seinen Arbeiten auf Papier zur Geltung. „Blumen für Konrad“ (Tusche und Aquarell, 1998) ist eine Suite von zwölf Blättern genau beobachteter Natur, umgesetzt mit dem Sinn für eine Poesie, der Schütte sich im Falle der oft doch sehr oberflächlich forcierten Menschenschilderungen entschieden verweigert.

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