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Thomas Hobbes’ „Vom Bürger“ Der Staat als Garant des Friedens

Thomas Hobbes’ „Vom Bürger“ ist für die Staatsphilosophie von überragender Bedeutung, worauf zwei Neuübersetzungen nachdrücklich aufmerksam machen.

Unterlagen
Am Anfang jeder Fortschreibung des Gesellschaftsvertrages stehen auch Unterlagen, Unterlagen, Unterlagen. Foto: epd

Zwei Neuübersetzungen der Schrift „De cive/Vom Bürger“ bringen den bedeutendsten Staatsphilosophen der frühen Neuzeit, Thomas Hobbes, wieder ins Gespräch. Nach mehr geruhsamen Lehr- und Wanderjahren geriet er in die politischen Wirren seiner Zeit, die politisch-religiösen Kriege und Bürgerkriege. Wegen einer „Kleinen Abhandlung in Englisch“ („A Little Treatise in English“) musste er sogar vor dem aufgebrachten Londoner Parlament nach Paris fliehen. Dort unterrichtete er den künftigen König Karl II., allerdings nicht in Politik, da Hobbes trotz seiner Vorliebe für die Monarchie als nicht ganz zuverlässig galt. Deshalb unterrichtete er ihn nur in dem politisch unriskanten Fach Mathematik.

Hobbes veröffentlicht in Latein

Mit dieser Aufgabe nicht ausgelastet, arbeitet Hobbes weiter an der Berufung seines Lebens: Mittels einer streng rationalen Argumentation („Vernunft ist Rechnen“) will er den in seinem Heimatland drohenden Bürgerkrieg abwenden. Ein zweites Motiv kommt hinzu: Hobbes will in den Wissenschaftler- und Philosophenkreisen von Paris als ebenbürtig anerkannt werden. Dafür bietet sich aus drei Gründen die Staatsphilosophie an: Als erstes reagiert Hobbes auf eine politisch hochbrisante Situation, den in Großbritannien drohenden Bürgerkrieg. Sodann besetzt er ein Themenfeld, das die Pariser Gelehrten ausgespart haben. Denn die führenden Köpfe wie René Descartes und sein Gegenspieler, der Stammvater des neuzeitlichen Empirismus, Pierre Gassendi, interessieren sich für Mathematik, Physik und Metaphysik, Marin Mersenne zusätzlich für Musiktheorie. Nicht zuletzt ist Hobbes dank seiner „Kleinen Abhandlung“ – heute als „Elements of Law, Natural and Politic“ bekannt – in sein Thema bestens eingearbeitet. Da Hobbes die neue Schrift nicht in Englisch, sondern in der Gelehrtensprache der Zeit, in Latein, veröffentlicht, wird sie von den führenden Denkern des Kontinents gelesen.

Trotz einer winzigen Auflage steigt der Autor über Nacht zu einer europäischen Berühmtheit auf. Sein Grundmuster einer Staatstheorie, die Legitimation eines zwangsbefugten Gemeinwesens aus der Zustimmung freier Bürger, erfüllt eine zivilisatorische Hoffnung der Epoche: der Staat als Garant des inneren Friedens. Es erstaunt daher nicht, dass Hobbes’ „De cive“ eine außergewöhnliche Wirkungsmacht entfaltet. Von Baruch de Spinoza und John Locke über Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant bis zu John Rawls, auch dem Rezensenten, wird diese Theorie, das Gedankenexperiment eines Gesellschaftsvertrages, bald weniger bald mehr abgewandelt, übernommen: Im staatsfreien Zustand, Naturzustand genannt, droht dem Menschen der gewaltsame Tod. Infolgedessen will er ihn durch den Gesellschaftsvertrag überwinden, der eine souveräne Herrschaft einrichtet.

Obwohl Hobbes knapp ein Jahrzehnt später diese Vertragstheorie noch einmal, dann unter dem provokativen Titel „Leviathan“, veröffentlicht, erzielt er die größere Wirkung noch viele Jahrzehnte lang mit „De cive“. Drei Gründe sprechen dafür, auch heute noch „De cive“ nicht geringer als den „Leviathan“ einzuschätzen.

Als erstes holt „De cive“ nicht so weit aus wie der „Leviathan“, Hobbes konzentriert sich vielmehr auf die Staatsphilosophie, die er hier zudem gedrängter darstellt. Als zweites tauchen hier, nicht im „Leviathan“, die beiden zu geflügelten Worten geadelten Formeln auf, die bis heute das Hobbes-Bild beherrschen: „bellum omnium contra omnes“, der Naturzustand ist „ein Krieg aller gegen alle“, und als Grund dafür: „Homo homini lupus“, mangels einer Staatsgewalt „ist der Mensch dem Menschen ein Wolf“.

Allerdings darf man nicht übersehen, dass der aus der Antike stammenden Formel, durch das Und-Zeichen („&“) verbunden, unmittelbar die Gegenformel vorausgeht: „Homo homini Deus“. Wie wir aus dem berühmten Titelkupfer des „Leviathan“ wissen, hält Hobbes nämlich den Staat für einen künstlichen Menschen, der den Bürgern, weil er ihnen Sicherheit und Wohlstand garantiert, wie ein Gott erscheint. Allerdings ist er im Unterschied zum wahren Gott sterblich.

Der Wert des Staatsbürgers

Nicht zuletzt spricht für „De cive“ ein Argument, das selbst Hobbes-Kenner selten beachten. Während der „Leviathan“ wie die Hauptwerke von Locke, Rousseau, Kant und Hegel in ihren Titeln den institutionellen Aspekt, Recht oder Staat, akzentuieren, legt „De cive“ vom Titel an auf den Staatsbürger wert.

Aus all diesen Gründen sind die beiden Neuübersetzungen zu begrüßen. Die Philosophische Bibliothek Meiner ist das Risiko eingegangen, nicht die bisher vorliegende Übersetzung dort, wo erforderlich zu verbessern. Vielmehr hat sie von Lothar Waas eine Neuübersetzung von Grund auf vornehmen lassen. In der ausführlichen Einleitung vor allem zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, dann in den vielen Anmerkungen erweist sich der Bochumer Politikwissenschaftler als hochgelehrt. Auch können bei einigen zentralen Begriffen Abweichungen von der älteren Übersetzung überzeugen. So kann man durchaus „pactum“ nicht mehr mit „Vertrag“, sondern „Übereinkommen“ übersetzen, um den Ausdruck „Vertrag“ für „contractus“ zu reservieren. Der etymologische Zusammenhang von „pactum“ mit „pax“ („Friede“) klingt aber nicht mehr an. Noch weniger überzeugend ist Waas’ Übersetzung von „gloria“ mit „Ansehen“, als Interpretation ist das vertretbar, als Übersetzung aber kaum.

Hier und an manch anderen Stellen ist die bei Reclam erschienene Übersetzung von Andree Hahmann überzeugender, gelegentlich auch lesbarer, was freilich an anderen Stellen auch für Waas’ Übersetzung zutrifft. Bei Reclam hat der Trierer Philosoph Dieter Hüning ein konzises Nachwort beigesteuert. Von ihm stammen auch bei den vielen hilfreichen Anmerkungen die Sachanmerkungen, während die Stellenverweise auf andere Hobbes-Schriften, namentlich auf die „Elements“ und den „Leviathan“, dem Übersetzer zu verdanken sind. Die Meiner-Ausgabe, erfreulich in Leinen gebunden, verfügt über ein Namens-, vor allem auch ein Begriffsregister, das in Klammern die lateinischen Ausdrücke verzeichnet.

Diese Register fehlen leider in der Reclam-Ausgabe, die jedoch bietet, was man von einer Philosophischen Bibliothek eher erwartet hätte: für den halben Preis, allerdings broschiert und ohne die bei Meiner mitübersetzten Auszüge aus Hobbes’ Schrift „Vom Menschen“ („De homine“), einen zweisprachigen Text, der das lateinische Original zusammen mit der deutschen Übersetzung bietet. So macht mit ihren relativ wohlfeilen Ausgaben ein Taschenbuchverlag, eben Reclam, dem klassischen Philosophie-Verlag mehr und mehr Konkurrenz.

Warum also soll man, durch die beiden Neuübersetzungen motiviert, erneut „De cive“ studieren: als Staatsphilosoph und als Politikwissenschaftler, als Jurist und als an Legitimationsfragen seines Gemeinwesens interessierter Bürger? Die Antwort findet sich gegen Ende der „Vorrede“, denn dort fasst Hobbes prägnant die Themen zusammen, die auch die heutige Auseinandersetzung mit „De cive“ rechtfertigen: Die Schrift handelt von „der Natur des Menschen, dem Naturrecht, dem Wesen der Verträge/ Übereinkommen und der Entstehung des Staates“.

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