Lade Inhalte...

Thomas Bernhard Erben verboten!

Vor 20 Jahren starb der grandiose Weltverschlechterer Thomas Bernhard.

12.02.2009 00:02
Manfred Schneider
Thomas Bernhard
Thomas Bernhard (1931 bis 1989) war ein leidenschaftlicher Kaffeehausbesucher. Hier im Jahr 1971. Foto: dpa

Vor genau 40 Jahren erwarb ich mein erstes Büchlein, das Thomas Bernhards Autornamen trug: die Erzählung "Ungenach". Der seltsame, druckfehlerartige Titel war der Band 279 der edition suhrkamp und kostete 3 DM. Damals trug der Dichter bereits jede Menge Kritikerlorbeer auf dem Haupte. Der erste Roman "Frost" hatte ihm gleich 1965 zwei Preise, darunter den Bremer Literaturpreis, eingetragen. Es folgten ganze Serien von öffentlichen Ehrungen, bei denen sich Bernhard jedes Mal großartig daneben benahm. Anekdote auf Anekdote, Buch auf Buch, Theaterstück auf Theaterstück folgten bis zum Tod des Schwerkranken am 12. Februar 1989. Auf den Tag genau starb Bernhard 40 Jahre nach seinem Großvater, dem Schriftsteller Johannes Freumbichler, den der Enkel "wie nichts auf der Welt" geliebt hatte.

Heute ist daher an zwei österreichische Heimatdichter aus einer Familie zu erinnern, und der Gedanke drängt sich auf, dass die Nachwelten mit toten Dichtern besser auskommen als mit den lebenden. Längst ist der weltberühmte Übertreiber Thomas Bernhard, der geniale Hasser und unfehlbare Hassanlocker, ein kanonischer Autor. Aber man täusche sich nicht: Bernhards Nachlass gehört uns nicht.

Das Leben der großen Dichter endet nicht auf den Friedhöfen. Ihre tiefsten und schwärzesten Gräber sind Werkausgaben, Kanonlisten für Gymnasien, Straßenschilder und Gedenkartikel. Gegen die Werkausgabe, die der Suhrkamp-Verlag seinem unvergleichlichen Autor widmet, ist literarisch und philologisch nichts einzuwenden. Doch diese Bibliotheksmausoleen schirmen jenen unheimlichen und gefährlichen Augenblick ab, da den Nachlebenden die Gaben der Toten in die Hände fallen. Aus den Testamenten springen nicht nur Dukaten, die uns mit dem Tode versöhnen sollen, sondern auch Geschichten, ja, die Geschichte selbst.

Ungenach ist die Geschichte eines Erbes, das von den Erben nicht angenommen wird. Nach den Worten des mit der Nachlassangelegenheit betrauten Anwalts ist Ungenach sogar ein "Riesenerbe", ein gewaltiger Besitz an Wäldern, Gütern und Grundstücken. Doch der Alleinerbe Robert Zoiss, Chemiedozent an der Stanford Universität, will diese Güter nicht annehmen, sondern an seine diversen einzelgängerischen und halbverrückten Verwandten verschenken. Die Ländereien sind aber nicht die einzige Hinterlassenschaft.

Zoiss fallen auch Aufzeichnungen seines toten Stiefbruders in die Hand, die andeuten, dass dieser Bruder mit Ungenach nicht zurechtgekommen ist. Das Erbe stellt eine verstörende Last dar, die nicht angenommen werden kann. Denn geerbt werden nicht nur Güter und Werke, die Toten hinterlassen auch beunruhigende Zeichen und Schriften.

Tomas Bernhards Helden sind verstörte Erben von Vermögen, Liegenschaften, Gütern, von Schriften, Dokumenten und Stummheiten, mit denen sie nicht fertig werden. Die Erben des Fürsten Saurau in "Verstörung" geben den Besitz Hochgobernitz weg; der Held von Watten verschenkt eine Million; "Wittgensteins Neffe" Paul "hat das Seinige schon so früh (…) zum Fenster hinausgeworfen"; Roithamer in "Korrektur" wird Altensam verkaufen. Solches Wegschenken der Erben geht bis zum letzten Roman "Auslöschung", an dessen Ende der Held Murau seinen Besitz Wolfsegg der jüdischen Gemeinde von Wien vermacht.

Das Thema ist damit nicht erschöpft. Offenbar sind auch Thomas Bernhards Bücher eine unliebsame Hinterlassenschaft, ein gefährliches Testament, ein immaterielles Ungenach, ein Altensam, Hochgobernitz, Wolfsegg. Es stellt keine Annehmlichkeiten in Aussicht, sondern Ungemach.

Noch mit der wenige Tage vor seinem Tode verfassten Bestimmung über das literarische Erbe an Österreich sollte Bernhard bewusst die Seinen in Österreich verstören. Nichts von seinem gedruckten Werk, nichts aus seinem Nachlass darf dort "aufgeführt, gedruckt oder auch nur vorgetragen werden". Zumindest gegenüber Österreich erließ der sterbende Bernhard, der österreichischer Heimatdichter, die Bestimmung, dass es Aneignung nicht geben darf. Erben verboten!

Bekanntlich wurde die Bestimmung des Testaments auf geschickte Weise umgangen, aber die Tricks der Nachlassverwalter verdecken keineswegs den Sinn dieser Verfügung.

Bernhards Bücher hinterlassen die düstere Botschaft, dass diese Welt im Zustand der Unannehmlichkeit und der Unannehmbarkeit auf uns gekommen ist. Aus dieser Erfahrung einer unvererbbaren Welt kommen alle Formen von obsessiver Vergeblichkeit, in der sich Bernhards Helden, diese einzigartige Bruderschaft von Hochmütigen und unerschöpflichen Schwadroneuren des Ressentiments, verausgaben.

Dass nicht nur Vermögen und Grundstücke diese unheimliche gespenstische Wirkung auf die Nachlebenden, die Erben und Todesgewinnler ausüben, sondern auch solche Dinge, die der Sphäre des Geistes und der Kunst zugehören, das zeigen die Ereignisse in Bernhards Roman "Korrektur" von 1975. Der Protagonist Roithamer möchte den Erlös für das Erbe Altensam für entlassene Strafgefangene verwenden. Zuvor aber errichtet er mitten im Kobernaußerwald, einem großen österreichischen Waldgebiet, ein kegelförmiges Gebäude für seine geliebte Schwester. Das vollkommene, eigentlich unmögliche Bauwerk soll dem Wesen der Schwester entsprechen und sie glücklich machen. Doch das Gegenteil geschieht: Der Anblick des fertigen Werkes verursacht ihren sofortigen Tod, und Roithamer folgt ihr kurz darauf durch Selbstmord.

Nicht alle Gaben der Toten in Bernhards österreichischer Literaturwelt sind durch Perfektion und Unmaß vergiftet, aber sie alle werfen die Problematik der unannehmbaren Tradition auf. Die Auslöschungen, die in all diesen Testamenten hinterlassen werden, die Tode, die Werke, die Güter, die Geschenke sind Verstörungsgaben, Antigaben, Ungaben, die das Geben und Gegebensein an der Wurzel ruinieren.

Welche zerstörerischen und verstörenden Kräfte in seinen Büchern wirksam werden, das hat Bernhard in der Autobiographie "Ein Kind" von 1982 erzählt. Es ist eine großartige Geschichte. Als Achtjähriger eignet er sich das Fahrrad seines Onkels an. Der Knabe schwelgt im Glück, eben das Fahrradfahren erlernt zu haben, und er beschließt, von Traunstein aus in das mehr als dreißig Kilometer entfernte Salzburg zu radeln, um sich dort bei seiner Tante Fanny mit Schnitzeln regalieren zu lassen. Aber nach gut zwanzig Kilometern reißt die Kette, sie verwickelt sich in die Speichen, ein Sturz, und das schöne Rad ist unbrauchbar. Verschmiert und blutend macht sich das Kind auf die schmachvolle Rückkehr. Die bösen Geister, die es zu diesem Abenteuer getrieben haben, fasst der Autor in die existenzielle und poetologische Formel: "Wie in allem trieb ich das nun einmal begonnene Unternehmen bis zum Äußersten."

Niemand kann sagen, wo das Äußerste ist. Aber Bernhard führt auf Hunderten von Seiten vor, wie man in seine Nähe gelangt und wieder zurück. Dieser Trieb zum Äußersten kennt nur ein Ziel, das man auch nur einmal erreicht. Daher weiß Bernhard in seiner Lebensgeschichte Ein Kind auch davon zu berichten, was demjenigen zufällt, der den Rand des Äußersten berührt hat. Er kann erzählen. Noch ehe er die unvermeidliche mütterliche Strafaktion über sich ergehen lässt, weckt der Achtjährige seinen Freund Schorschi, um ihm von diesem Abenteuer zu erzählen, und "ich steigerte mich von Wort zu Wort und gab dem Ganzen, von meiner Leidenschaft über das Berichtete selbst angefeuert, eine Reihe von Akzenten, die entweder den ganzen Bericht würzende Übertreibungen oder sogar zusätzliche Erfindungen waren".

Vom Selbstmord, diesem Äußersten, worüber der geliebte Großvater unablässig sprach, kann man nicht erzählen. Den Selbstmord, das zeigen so viele Erzählfiguren Bernhards, kann man nur als Rätsel hinterlassen, an dem die Nachlebenden mit ihren Deutungen verzweifeln.

Man hat mehrfach bemerkt, dass Bernhard seine Geschichten in einer Art Baukastensystem konstruiert: wiederkehrende Figuren, Obsessive, Selbstmörder, Gescheiterte, Künstler, Beobachter, Fluchten, Hinterlassenschaften, Kranke, Verrückte. Ihre Rede, ihr Geschwätz quillt aus den Abgründen des Ressentiments, nirgendwo in der Weltliteratur wird dem Ressentiment ein solch langer Atem gewährt.

Das Ressentiment ist der Meisteraffekt der Weltverschlechterung, es schlägt tausend Pfauenräder, um all die vernichtenden Urteile abzugeben, die an der Unannehmbarkeit der Welt mitwirken. Wer sich so stets am Rande des Äußersten aufhält, um von diesem Äußersten erzählen zu können, der Weltverschlechterer, verfügt über die teuflische Gabe des Lachens.

Das Lachen ist kein edler Affekt: Andere hochmütige und todesbesessene Denker wie La Rochefoucault, der sich rühmte, mehrere Jahre nicht gelacht zu haben, oder wie Thomas Hobbes haben das Lachen verachtet. Auch der vom Tintoretto-Liebhaber Reger in "Alte Meister" als "nationalsozialistischer Pumphosenspießer" niedergemachte Heidegger kannte kein Lachen. Aber das tragische Gelächter, das Homer und nach ihm Nietzsche aus dem Munde der Götter vernommen haben wollen, klingt in Bernhards Lachen fort.

Wo vernimmt man es heute noch? Man braucht nur die Bände der Werkausgabe ans Ohr zu halten, und dort klingt es heraus.

Manfred Schneider, geb. 1944, hat den Lehrstuhl für Neugermanistik, Ästhetik und Medien an der Ruhr-Universität Bochum inne.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen