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Theologie Der Bibelstreit

Die Bibel hat ein Altes und ein Neues Testament. Warum? Und soll das so bleiben? Ein Streit unter Theologen stellt seit geraumer Zeit die Grundsatzfragen.

Kirche
Nimmt eine kristallklare Position ein: Deutschlands am höchsten liegende Kirche. Foto: afp

Meistens zählen die Geisteswissenschaftler zu den gut erzogenen Mitbürgern. Sie schreien sich selten an, sie verzichten auf derbe Beschimpfungen, grüßen einander, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.

Intrigen, verletzte Eitelkeiten: Das gibt es wie überall, wo Menschen mit Ruhm und Anerkennung rechnen, wo es um Macht und Einfluss geht, und sei es die Macht, eigene Deutungen durchzusetzen. Aber offener, teils hasserfüllter, affektgeladener Schlagabtausch? Schäumend hin- und hergeschleuderte Vorwürfe, mit denen man sich gegenseitig jede wissenschaftliche Kompetenz abspricht, persönliche Angriffe, NS-Vergleiche – das hat man eher selten. 

Die Gräben sind tief 

Auch so gesehen ist der seit vier Jahren an der Fakultät der Evangelischen Theologie der Humboldt Universität tobende Streit bemerkenswert: Es haben sich – wider Willen – alle Seiten deutlich zu erkennen gegeben. Die Gräben an der Fakultät sind seitdem tief. Einvernehmliches Miteinander, so heißt es, sei längst nicht mehr möglich. Unstimmigkeiten gibt es länger schon an dieser Fakultät, eine der größten Deutschlands.

Seitdem aber Notger Slenczka, Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie, 2013 einen Aufsatz veröffentlichte, sind sie in Feindseligkeit gekippt. Der Text erschien im „Marburger Jahrbuch Theologie“, einem Fachorgan abseits der breiten Öffentlichkeit. Und es dauerte auch zwei Jahre, bis Slenczka zum Anstoß wurde. Er hatte sich auf eine Professorenstelle in Leipzig beworben, und erst in diesem Berufungsverfahren geriet sein Beitrag in den Strudel öffentlicher Auseinandersetzungen, mit dem Ergebnis übrigens, dass Slenczka die Leipziger Stelle nicht bekommen hat. 

Ein einzelner Aufsatz mit enormen Auswirkungen: Fünf Fakultätskollegen Slenczkas nannten ihn „theologisch inakzeptabel“, der Berliner Bischof Markus Dröge distanzierte sich öffentlich von ihm, der Judaist Peter Schäfer drohte, seine Gastprofessur an der Humboldt Universität niederzulegen. Es gab allerdings auch mehrere Stimmen, die sich mit Slenczka solidarisierten, weil sie in seinem Text ein „ernsthaftes wissenschaftliches Problem“ angesprochen sahen, das es zu thematisiert gelte. Ernsthaft ist es in jedem Fall, allerdings auch so verwickelt und folgenreich, dass es schwierig ist, das Problem ohne Missverständnisse zu benennen. 

Das weiß auch Slenczka. Er hat mit seinem Aufsatz deshalb bewusst provozieren, also im Wortsinne zur Debatte herausrufen wollen. Seine Frage ist: Kann das Alte Testament, das heilige Buch der Juden, für die christliche Kirche kanonische Geltung haben? Es gehört nach wie vor zum Kanon, zur „Vollbibel“ der Christen. Aber wie sollen sie mit den Texten des Alten Testaments umgehen, die gerade keine christlichen sind?

Nicht Christen, sondern Juden angesprochen? 

Slenczka sagt, mit Blick auf die Geschichte und den Stand der theologischen Erkenntnisse könne die Kirche das Alte Testament nicht mehr so verstehen, wie es in der Kirche lange verstanden wurde, nämlich als Sammlung von Texten, in denen bereits der neutestamentliche Christus verkündigt wird. Dann aber, so seine durchaus feingliedrige Argumentation, kann das Alte Testament eben auch nicht mehr den kanonischen Rang haben, der ihm bislang in der Kirche zukommt. Es sei ja auch bezeichnend, so schrieb er 2013, dass Christen mit den alttestamentlichen Texten „fremdeln“, denn in ihnen seien nicht Christen, sondern Juden angesprochen. 

Diese Formulierung hat ihm viel Kritik eingebracht, besonders von Seiten der Vertreter des jüdisch-christlichen Dialogs. Jetzt hat er in einem umfangreichen, unbedingt lesenswerten Buch darauf Punkt für Punkt reagiert. Er spricht jetzt von einer „theologischen Zwickmühle“: Das Alte Testament gehöre auch für Christen zur Bibel, aber in ihnen sei nicht von Christus die Rede. Die traditionelle Deutung des Alten Testaments, der zufolge die Kirche in Kontinuität zum alttestamentlichen Israel, dem Volk Gottes, stehe, sei heute aus Respekt vor dem Judentum nicht mehr möglich. 

Für Augustinus etwa hat die christliche Kirche mit Abel begonnen, nicht erst mit Christus; das vorchristliche Judentum wurde dabei zum bloßen, herabgestuften Vorläufer. Genau das lehnt die evangelische Kirche jedoch mit guten Gründen ab – und spricht dem Alten Testament dennoch dieselbe kanonische Geltung zu. Das ist, so Slenczka, ein Widerspruch, der „vergessen oder verdrängt“ werde. Eigentümlicherweise sei im Protestantismus der Gegenwart die Behauptung, dass das Christentum etwas Neues darstelle, das sich im Alten Testament so nicht finde, generell in Verruf geraten. Der Protestantismus habe offenbar Angst, „etwas Eigenes zu sein“. 

Das ist für Slenczka der „eigentliche Hintergrund“ der Debatte. Er verweist auf Paulus und sagt, gerade diesem zufolge habe man es ja mit einer „radikalen Umdeutung“ der alttestamentlichen Texte zu tun. Er verweist auch auf renommierte Theologenkollegen der Vergangenheit, auf Adolf von Harnack, auf Schleiermacher, auf Rudolf Bultmann. Und er ziele mit seiner These „im christlich-jüdischen Verhältnis auf positive Folgen“. 

Die eigenen Fundamente prüfen 

Das jedoch bleibt auch in seiner jetzigen Verteidigungsschrift reichlich unscharf, wenn nicht hoch missverständlich. Einmal verdeutlicht er seine Position mit einem aufschlussreichen Vergleich. Das Alte Testament versammle Texte, in denen Gott „ein bestimmtes Volk“ anspreche, in exklusiver, partikularer Weise. Das sei aus christlicher Sicht noch nicht problematisch, denn „wir nehmen schließlich auch keinen Anstoß daran, dass ein bestimmter Mensch uns liebt und sagt: ‚Alles andere auf der Welt ist mir egal.‘“

Daran nähmen wir, so Notger Slenczka, nur Anstoß, wenn wir nicht der geliebte Mensch seien: „Dann wollen wir das eigentlich nicht hören.“ Das stimmt allerdings nur, wenn ich in Eifersucht oder Groll auf die Liebe schaue, die ich selbst in Anspruch nehme, wenn ich selbst der exklusiv Geliebte sein will, wenn ich also einem anderen die Herausgehobenheit neide. 

Das ist dann doch ein sehr irritierendes Bild. Denn es bedeutet im jüdisch-christlichen Verhältnis, dass man christlicherseits den Juden die exklusive Liebe Gottes missgönnt. Von einem „Fremdeln“ mit dem Alten Testament spricht Slenczka zwar ausdrücklich nicht mehr, aber der Sache nach hält er an seiner These fest: Christen hätten mit dem Alten Testament „Probleme“, weil diese von der „Partikularität des Willens Gottes“ sprechen. Doch diese Probleme haben nicht „wir“, sondern kann nur haben, wer diese exklusive Liebe Gottes entweder Gott selbst oder aber den Auserwählten (den Juden) vorhält – und das sind dann in der Tat Argumente, aus denen sich in der Geschichte antijudaistische Vorbehalte speisten. 

Das Alte Testament, so legt Slenczka in diesem Zusammenhang nahe, ist nicht „immer und für alle Kulturkreise“, was es für die ersten Christen war. Offenbar glaubt er, dass es hier und heute eine spezifische kulturelle Situation gibt, die nach einer „Neubestimmung“ verlangt. Warum das aber so sein soll, beantwortet er nicht. Er nimmt das Alte Testament als „religionsgeschichtliche Voraussetzung“ für das Christentum – und zieht daraus unvermittelt theologische Konsequenzen.

Und es scheint, als wolle er nicht nur die Differenzen loben – Grundlage jedes gehaltvollen interreligiösen Gesprächs –, sondern die Unterschiede qualifizieren. Das Neue Testament bringt in dieser Logik nicht einfach etwas Neues, sondern auch etwas Besseres. Solche Urteile kommen aber, theologisch gesprochen, Menschen nicht zu – sondern einzig Gott.

Dennoch legt Slenczka den Finger in eine Wunde: Wenn die Kirche das Alte Testament als gleichrangig behandelt sehen will, muss sie sich zu einem „Bruch mit der Tradition“ bekennen. Und sie muss sich den Grundsatzfragen stellen, die von Paulus bis Luther im Raum stehen: Wie können, wie sollen Christen die heiligen Texte der Juden lesen und verstehen? Was heißt es, dass „beide religiöse Gemeinschaften über ‚dasselbe‘ unterschiedliche Aussagen machen“? 

Nimmt man einmal zur Seite, dass Slenczkas Buch auch das Dokument seiner tiefen Verletzung ist, dass er wieder und wieder seinen Intimfeind Christoph Markschies, Dekan der Theologischen Fakultät, mit harschen Worten angeht, ihn unverhohlen der „Dummheit“ und des „theologischen Gequatsches“ bezichtigt, bleibt seine Herausforderung: Der gegenwärtige Protestantismus steht vor der Aufgabe, seine theologischen Fundamente zu prüfen. 

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