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Theatertreffen Naturalismuskunst mit Konzeptleuchtfeuer

„Die Ratten“ inszeniert von Karin Henkel beim Theatertreffen. Henkel sieht die bleibende Ungelöstheit und Interessantheit der Frage nach der Möglichkeit der Entkünstlichung der Kunst nicht. Sie übergibt sie dem Klamauk.

17.05.2013 18:57
Doris Meierhenrich
Kinderwunsch und Wirklichkeit (Lina Beckmann, o., und Lena Schwarz).

Zumindest lernt man an diesem Abend das Haus der Berliner Festspiele auch mal vom Bühneneingang aus kennen. Hinter der Kantine darf man durch eine Pforte eintreten und dann weiter durch die Institutsflure vorbei an Garderoben und Büros bis die Wände dunkler und die Türen schalldichter werden.

Dort passieren wir dann große Requisitenkisten, auf denen „Die Ratten“ und „Köln-Berlin“ geschrieben steht und stehen dann plötzlich selbst auf der schwarzen Hinterbühne, wo die Schauspieler neben voll behängten Kostümstangen schon warten. Es soll ja keinesfalls ohne uns losgehen, doch müssen wir die erweiterte Schleuse vom Leben zur Kunst offenbar unbedingt erst durchlaufen, damit wir danach alles verstehen.

Die Regisseurin Karin Henkel meinte es sicher gut mit unserer Reflexionsarbeit, als sie sich dieses Entree zu Gerhard Hauptmanns „Die Ratten“ ausdachte, dessen Figuren ja auch fortwährend durch irgendeinen Theaterfundus streifen, aber zwischen Kunst und Leben noch keinen Weg finden. Es ist verzwickt, beginnt man mal nachzudenken, welche „Realität“ denn nun im Theater herrscht und welches „Theater“ draußen im Leben. Heute bräuchte es einfach mehr dafür, als nur den unerschütterlichen Glauben an das Theater, den Karin Henkel in einem Kostümchen-wechsle-dich-Spiel inszeniert, nämlich auch eine große Portion Theaterskepsis, die man darin nicht findet.

Dabei weckte das Schauspiel der Zuschauerankunft wie auch später das sich gegenseitige Zuschauen der Schauspieler zunächst noch andere Erwartungen. Es sah so aus, als hätte Henkel Hauptmanns Tragikomödie über die verzweifelte Frau John, die sich mit Geld ein Kind beschafft, es aber nicht als ihres behaupten kann, und über den sie konterkarierenden Theaterdirektor Hassenreuter, für den es gar nichts anderes gibt, als behauptete Wirklichkeit, als diffiziles Spiel über die ästhetischen Grundsatzfragen des Theaters selbst inszeniert.

Wie kann man Kunst entkünstlichen?

Und jede Figur, die aus dem Dunkel der Dachboden-Bühne tritt, scheint mit ihrem provisorischen, überzeichneten Auftreten zunächst die Frage zu stellen: Welches Leben steht hinter meiner Rolle und wie kommt Realismus in die Kunst? Im Verlauf aber werden diese Fragen nicht weiter entwickelt, sondern nur in den Leerlauf der Karikatur geschickt.

Am eklatantesten geschieht das in der Gestalt des glühenden Schauspieleleven und Realismus-Anhängers Spitta, den Jan-Peter Kampwirth nur als armen Wicht geben darf. Anders als der Theaterdirektor will er Realität nicht in Kunst transzendieren, sondern transportieren, was im Kern genau das trifft, worin die ästhetische Diskussion des 19. Jahrhunderts ? Realismus oder Idealismus – noch heute aktuell ist: die Frage des „Transports“ der Mittel, die einen realistischen Blick überhaupt wirksam machen. Wie kann man Kunst entkünstlichen?

Henkel aber sieht die bleibende Ungelöstheit und Interessantheit dieser Frage nicht, sie übergibt sie dem Klamauk und in die Hände begnadeter Schauspieler, wie Lina Beckmann, die das Problem dann mit den urältesten Mitteln löst: dem großen, naturalistischen Spiel. Die Reflexionsarbeit, die diese „Ratten“ scheinbar antippen, zerbröselt im Verlauf in weniger als nichts und im Grunde knüpft Henkel damit genau dort an, wo ihr „Macbeth“ beim letzten Theatertreffen aufhörte: ein bisschen Konzept-Leuchtfeuer hier, ein paar Fragen dort, aber nichts davon auch nur halbwegs durchdacht.

Und trotzdem prallt dieser Firlefanz an einem Monolithen völlig ab: an Lina Beckmann. Sie gibt der Jette John einen Körper, der vor Arbeit und Anspannung keine Weichheit mehr kennt, und einen Blick, der vor lauter Gehetztheit und Angst einem selbst den Atem nimmt. Wenn es einen Grund gab, dieses Spiel nach Berlin zu laden, dann sie.

Mehr zum Theatertreffen unter: theatertreffen-blog.de
berlinerfestspiele.de, Tel.: 25?489?91?00

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