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Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa Lässig zum Heulen bringen

Ungarische Verhältnisse beim Festival „Neue Stücke aus Europa“ im Mousonturm Frankfurt: Béla Pintérs „Unsere Geheimnisse“.

Beim Festival Neue Stücke aus Europa: Die ungarische Produktion "Unsere Geheimnisse". Foto: Csaba Meszaros

Der Vergleich mit „Das Leben der Anderen“ muss nicht zu weit, aber doch recht weit hergeholt werden bei „Unsere Geheimnisse“, einem Bespitzelungsdrama des Ungarn Béla Pintér und seiner außergewöhnlichen Darstellertruppe. Wo der Film des deutschen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck das ein oder andere versöhnliche, menschenberuhigende Zugeständnis macht, gibt es in „Unsere Geheimnisse“ („Titkaink“) keine mildernden Umstände. Der IM mit dem fast drollig klingenden Namen Balla Bán hat sich erpressbar gemacht, weil er pädophil ist. Und er knickt in Sekunden ein. Sein Kumpel Imre riskiert zwar viel, indem er eine Untergrundzeitschrift druckt, aber seine „Gedichte“ darin sind so pubertär wie seine Motivation rätselhaft. Vor seinen eigenen Widersprüchen flüchtet er in den Alkohol.

Im Rahmen der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ des Wiesbadener Staatstheaters war „Unsere Geheimnisse“ jetzt im erstmals beteiligten Frankfurter Mousonturm zu sehen. Dort sind Stücke wie dieses – geradlinig und über zwei pausenlose Stunden erzählend – sonst nicht unbedingt zuhause. Realismus bis hin zur echt aussehenden Kuttelsuppe trifft in Béla Pintérs Inszenierung auf ein symbolhaftes Bühnenbild von Gábor Tamás: Zwei riesige Tonband-Spulen drehen sich hinter den Darstellern an der Wand. Das Stück wird gerahmt und getaktet von Live-Musiknummern, denn die Hauptfiguren haben sich Verdienste erworben ums ungarische Volksliedgut und traditionelle Tänze. Sie leiten im Budapest der 80er Jahre ein so genanntes „Tanzhaus“. Der Pädophile sammelt zudem alte Volkslieder.

Lakonie und bissiger Humor

Vor allem persönlicher Kränkung – er hat zwei linke Beine, man macht sich über ihn lustig – scheint die Perfidie eines Spitzels zu entspringen, der in einem Jahre-später-Nachspiel nochmal erheblich aufgestiegen sein wird; zusammen mit der einstigen überzeugten Kommunistin, die erblondet ist und nun Ministerin im Kostümchen. Einige der Nebendarsteller – aber man möchte sie gar nicht Nebendarsteller nennen, sie sind fantastisch – schlüpfen in mehrere Rollen. Die zarte kleine Angéla Stefanovits etwa ist eine rotzige Schlagersängerin (jetzt hat sie aber Anrecht auf den Probenraum!) und ein pampig-altkluges Klavierwunderkind, Sohn des von Béla Pintér selbst gespielten Widerständlers Imre. Die neue Freundin des Vaters, die Kommunistin, bringt der Junge lässig zum Heulen.

Das Politische gründet hier allemal im Privaten. Auslöser ist die fatale Neigung Balla Báns (Zoltán Friedenthal), seine siebenjährige Stieftochter mit seinem „Wichtel“ spielen zu lassen. Die Inszenierung ist optisch diskret, nennt die Dinge aber beim Namen und ist darum ausdrücklich nur für Erwachsene. Béla Pintér pflegt aber auch eine gewisse Lakonie und einen bissigen Humor. Die Figuren stolpern regelrecht durch die Verhältnisse; und die meisten versuchen, das Beste für sich selbst herauszuholen. „Unsere Geheimnisse“ hat eine nüchterne, unsentimentale Härte, wie sie auch im deutschen Theater ruhig öfter zu sehen sein könnte.

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