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Zum Tode von Gisela May Die Stimme des Dichters

Ein Nachruf auf die große Brecht-Schauspielerin und Diseuse Gisela May, die mit 92 Jahren gestorben ist.

Gisela May als Mutter Courage mit Peter Aust in einer Aufführung eines Brecht-Klassikers am Berliner Ensemble. Foto: dpa

Es wechseln die Zeiten“ hieß ihre im Jahre 2002 erschienene Autobiographie, und der Titel, ein Brecht-Zitat, passte in doppelter Hinsicht: Hat sie doch, 1924 im hessischen Wetzlar geboren, fast ein ganzes an Umwälzungen reiches Jahrhundert erlebt. Und zum anderen ist Gisela May die Stimme des Dichters gewesen, die „einzige legitime Nachfolgerin von Lotte Lenya“, wie es in einem Artikel zu ihrem 90. Geburtstag hieß.

Jetzt ist die Sängerin und Schauspielerin in Berlin gestorben, wie das Berliner Ensemble mitteilte, an dem sie 30 Jahre lang gewirkt hatte. Für Theaterleiter Claus Peymann war Gisela May gar „die Königin des Brecht-Theaters“.

Tatsächlich war die Künstlerin dem Werk Bertolt Brechts so eng verbunden, wie das wohl nur bei wenigen ihrer Kolleginnen der Fall war – außer eben bei Helene Weigel und Lotte Lenya. Ausgebildet wurde die Tochter des Dramatikers Ferdinand May und der Schauspielerin Käthe May in Leipzig. Über Stationen in Mecklenburg und Halle kam sie 1951 nach Berlin, arbeitete am Deutschen Theater, bevor sie 1962 zum Berliner Ensemble stieß. Dort war sie für eine im Theater unglaublich lange Zeit von 13 Jahren die „Mutter Courage“.

Triumphe feierte Gisela May dann auch als Sängerin, Diseuse, wie man damals sagte, als man die bedeutenden Bühnenkünstlerinnen noch mit dem Artikel vor dem Nachnamen nannte: Die May interpretierte die Lieder von Bert Brecht und Kurt Weill, die Kompositionen von Hanns Eisler und Paul Dessau mit ihrem unverwechselbaren Timbre. Ihre klare Stimme verlieh Songs wie „Seeräuber Jenny“ oder „Surabaya Johnny“ die Aura von verruchtem Pathos.

Sie konnte auch Musical, ob „Hello Dolly“, noch in der DDR, oder „Cabaret“, im Berliner Theater des Westens. Mit den Chansons von Kurt Tucholsky und Friedrich Hollaender, von Erich Kästner oder Walter Mehring ging sie auf Tournee, feierte Erfolge in der Bundesrepublik, in Europa ebenso wie auch in den USA.

Gisela May war hochgeehrt in beiden deutschen Staaten; sie war Mitglied der SED und der DDR-Akademie der Künste, sie erhielt den Nationalpreis 1. Klasse der DDR (1973) wie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (2004): eine große Künstlerin im Wechsel der Zeiten.

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