Lade Inhalte...

Zensur Nowosibirsk "Tannhäuser" Zensur in Russland

Nach der Absetzung des „Tannhäuser“ in Nowosibirsk: Zensur schwebt über Russlands Kulturschaffenden, sie protestieren vermutlich vergeblich.

Das Skandalpotential erschließt sich nicht unmittelbar: "Tannhäuser" in Nowosibirsk. Foto: dpa

Es kam, wie es kommen musste. Gestern wurde die umstrittene „Tannhäuser“-Inszenierung vom Spielplan des Nowosibirsker Opern- und Balletttheaters gestrichen. Wladimir Kechman, gerade erst zum Direktor des Hauses ernannt, erklärte auf der Webseite des Hauses seine Entscheidung damit, dass der Regisseur der Wagner-Oper, Timofei Kuljabin, jedes Treffen mit ihm meide. Die abgesetzte Produktion lobte er für ihre musikalische Qualität und die „hervorragende Arbeit der Truppe und des Dirigenten“.

Allerdings hatte Kechman schon vor seiner Ernennung Front gegen die „Tannhäuser“-Inszenierung gemacht: „Das ist eine Demonstration innerer Ehrlosigkeit im Geist kriegerischer Gottlosigkeit.“ Der amtierende Theaterdirektor Boris Mesdritsch sei verpflichtet zurückzutreten, die Inszenierung müsse abgesetzt werden.

Sündhaft in der Grotte

Kuljabins „Tannhäuser“ hatte in Nowosibirsk Silvester 2014 Premiere. Mit modernem Dreh: „Tannhäuser“ tritt nicht als Sänger, sondern als Kinoregisseur auf, der bei einem Filmfestival einen provokativen Streifen über Jesus Christus präsentiert. Der junge Heiland ergeht sich recht sündhaft in der Grotte der römischen Liebesgöttin Venus. Aber Tannhäusers Skandalfilm wird ein Reinfall, die Kollegen werfen ihn sogar hinaus.

Kuljabin beteuerte, sein Thema sei die „existenzielle Einsamkeit“, Publikum und Kritiker waren begeistert. Aber vor allem die nackten Brüste mehrerer Venus-Gespielinnen erbosten den Nowosibirsker Mitropoliten Tichon, der Anzeige gegen den Regisseur und gegen Mesdritsch erstattete, „wegen vorsätzlicher Kränkung der Gefühle Gläubiger“.

Zwar entschied ein Nowosibirsker Friedensrichter im März, die Angeklagten hätten keine Gesetze verletzt. Trotzdem protestierten mehrere Tausend orthodoxe Aktivisten gegen die Inszenierung, wobei die Masse von ihnen bestenfalls einzelne Fotos der Aufführung gesehen hatte. Am Sonntag feuerte Kulturminister Wladimir Medinski Mesdritsch und ernannte Kechman zu seinem Nachfolger. Mesdritsch hatte sich zuvor geweigert, die „beleidigten Gläubigen“ um Verzeihung zu bitten: „Warum soll ich mich bei jemandem entschuldigen, der die Oper gar nicht gesehen hat?“

Konfliktfreie Stoffe

Der Skandal bestätigt nach Ansicht liberaler Beobachter, wie Kirche und Staat einander inzwischen vereinnahmt haben. „Wo früher das Bezirksparteikomitee war, steht jetzt eine Kirche“, zitiert die BBC den Politologen Jewgeni Satanowski. Kremlsprecher Dmitri Peskow versicherte am Montag, Mesdritschs Entlassung habe nichts mit Zensur zu tun. Vielmehr sei er wegen Subordination entlassen worden. Allerdings habe der Staat das Recht, von den schöpferischen Kollektiven, die er finanziere, korrekte Aufführungen zu erwarten. „Wenigstens sollten sie keine so verschärfte öffentliche Reaktion hervorrufen.“

Magomedsalam Magomedow, stellvertretender Chef der Präsidialverwaltung, erklärte am gleichen Tag, in Zukunft müssten Experten die Aufführungen in den russischen Staatstheatern bewerten, um neue Konflikte zu vermeiden. „Vermutlich muss man das Repertoire an irgendeiner Stelle untersuchen.“

Zensur liegt in der Luft. Der kremlnahe Politologe Alexei Muchin sagte der FR, zur Zeit berieten Fachleute über ein „Protokoll“, das regeln soll, wie sich Kulturschaffende, Staatsbeamte und die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen künftig verhalten sollten. „Die Staatsduma wird diesem Protokoll in den nächsten Monaten Gesetzesnorm verleihen.“

Zahlreiche angesehene Theaterregisseure, Schriftsteller und Musiker protestierten gegen Medritschs Entlassung und die Absetzung der Inszenierung. Der Russische Kinoverband forderte gar den Rücktritt von Minister Medinski. Kulturschaffende und politische Beobachter befürchten, der Staat wolle Theater, Kino und Literatur ähnlich gleichschalten will zuvor die Medien. Oder gar wieder konfliktfreie Stoffe durchsetzen, wie im Sozialistischen Realismus der späten Stalinzeit. „Die Form braucht gar nicht sowjetisch sein“, sagt der Politologe Dmitri Oreschkin. „Man muss die Zensur keineswegs de jure wiedereinführen. Es reicht, den Regisseuren zu verstehen zu geben, dass ihre Aufführungen schlecht enden können, wenn sie sich nicht ,beraten‘ lassen wollen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen