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„Zartbitter“ vom Volkstheater Hessen Jules wilde halbe Stunde

Das Volkstheater Hessen zeigt, mit prächtigem Herumgeschimpfe, Lars Lienens „Zartbitter“ in der Frankfurter Katakombe.

Die Pralinen des neuen Kollegen findet Jule schon gut. Foto: StuGraPho

Das winzige Volkstheater Hessen als Nachfolger des traditionsreichen Frankfurter Volkstheaters schlägt sich nicht nur tapfer, sondern auch effizient. Nach zwei außerordentlich komischen Adolf-Stoltze-Abenden, die offensichtlich auch richtig gut laufen und denen weitere folgen sollen, gibt es als drittes eine Art Intermezzo für zwei Personen. „Zartbitter“ von Lars Lienen war vor drei Jahren schon einmal in Frankfurt zu sehen, im Theatrallalla, und auch da spielte Iris Reinhardt Hassenzahl die unmögliche Jule Schneider und führte Steffen Wilhelm Regie.

In der hessischen Fassung, die jetzt in der Katakombe Premiere hatte, kommt Sebastian Huther als Tom dazu. Tom ist nett und homosexuell, und etwa zwischen der 25. und der 50. Minute hadert man vielleicht doch mit einer Geschichte, die eine derart derb homophobe Frau auf die Bühne schickt, von Iris Reinhardt Hassenzahl allerdings äußerst hingebungsvoll gespielt (und frankfurterisches Herumgeschimpfe: immer eine Pracht). Vorher ist es besser, hinterher ist es zum Schießen. Zartbitter sind nur der Titel und die Schokolade.

Jule ist der Schokoladen-Star

Also: Jule ist der Star eines Schokoladengeschäfts am Frankfurter Zoo, Tom der neue Kollege, den die ambitionierte Solo-Chocolatière aus Prinzip nicht gut behandeln kann. Als sie aber die erste seiner Pralinen isst, staunt sie, als sie die zweite isst, staunt sie noch mehr. Jule ist zu sehr Profi, um nicht das Beste für den Laden zu wollen. Schon lädt sie Tom mit Freundin zu sich und ihrem Mann ein. Als sich nun zeigt, dass Tom ebenfalls einen Mann mitbringen möchte, bricht Jules wilde halbe Stunde an. Dann aber setzt Lienen noch eins drauf, eine verrückte Wendung, die unterhaltsam ist und auch so dargeboten wird. Jule ist dank perfekt haftenden knallroten Lippenstifts ohnehin ein sagenhafter Riesenmund, aus dem es ohne Unterlass herausquasselt und -schennt, eine furchtbar adrette Megäre. Tom muss nur mitmachen, und er macht mit. Dazu erklingt einschlägige Filmmusik aus dem „Tatort“ und dem „Lied vom Tod“ und markiert den Übergang vom Mordsspaß zum Mordkomplott. Das Ende: der schönste, blödeste Quatsch auf eine Choreographie von Sabine Isabel Roller.

In der Katakombe ist ja alles klein, aber die Küche des Schokoladenladens konnte Ausstatterin Claudia Rohde hier allemal unterbringen. Steffen Wilhelm machte vorab darauf aufmerksam, dass Jules Arbeitstisch schon in manchem „Urfaust“ mitgespielt habe und auch sonst etliche Requisiten aus dem alten Volkstheater stammten. Das ist zwar für Kenner mit fotografischem Gedächtnis, aber auch ein Bild für die melancholischen und pragmatischen Seiten des Weitermachens. Weitermachen ist in 85 Prozent des Lebens das vernünftigste, beim Volkstheater erscheint es derzeit ganz besonders vernünftig.

Volkstheater im Kulturhaus am Zoo (Katakombe): 10.-14., 17., 18. Februar. www.volkstheater.eu

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