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„Xerxes“ in Frankfurt Es fliegen die Trauben, es kriechen die Schnecken

Dekadenz, Verfall, schönster Despotismus: Die Oper Frankfurt zeigt zum ersten Mal Händels „Xerxes“ – vor allem mit einem Füllhorn musikalischer Ideen.

09.01.2017 13:24
Stefan Schickhaus
Wie soll man Angst bekommen vor der schönen Stimme von Gaëlle Arquez (hier mit Elizabeth Sutphen)? Die Gesellschaft kuscht trotzdem vor diesem Xerxes. Foto: Barbara Aumüller

Alles, so sagt es ein physikalisches Grundgesetz, kann nur vom Zustand relativer Ordnung in den Zustand relativer Unordnung übergehen. Andersherum geht’s nicht. Man kennt das vom Zuhause, von der Küche zuvorderst. Aber man kennt das auch aus der Oper, der Barockoper zuvorderst. Zunächst sind die Verhältnisse geordnet: Der eine liebt die andere, die aber den nächsten und so weiter. Geht der Vorhang auf, wird es zunehmend chaotisch, unordentlich, irreparabel. Durch Briefe, Ränke, Verwirrnis.

Der Regisseur Tilmann Köhler hat jetzt ein sehr schönes Bild für dieses Naturgesetz gefunden und damit Georg Friedrich Händels „Xerxes“ auf die Bühne der Oper Frankfurt gebracht: Xerxes ist ja eigentlich Perserkönig, doch für die Oper spielt das keine Rolle. In der Oper ist Xerxes ein Mann aus der gehobenen Gesellschaft, die zwar die bessere Gesellschaft heißt, aber deren Mitglieder in nichts besser sind.

Diese Gesellschaft trifft sich in Frankfurt zum Bankett, an einer Tafel, die üppig gedeckt ist. Mit Leuchtern und Silber, mit Obst und Fasan, mit Kristall, Krustentier und Champagner. Schön ordentlich arrangiert ist diese Tafel, zu Beginn. Zunehmend wird sie verwüstet, so wie die Beziehungen der Tafelnden zueinander verwüstet werden. Benehmen hat keiner: Die Gänsekeule wird gefleddert, die Ananas malträtiert. Trauben fliegen, Schaumwein spritzt, Speisen und Menschen gehen vor die Hunde.

Sicher, diese Händel-Inszenierung wäre an einem kleineren Haus am bessern Ort gewesen, etwa im Bockenheimer Depot, wo Tilmann Köhler mit seinem Team – der Bühnenbildnerin Karoly Risz und der Kostümbildnerin Susanne Uhl – bereits die Opern „Teseo“ und „Radamisto“ aus gleicher Feder umgesetzt hatte. Die große Bühne wollte der Regisseur klein halten, man sollte als Publikum Teil des aus den Fugen gerateten Dinners sein können. Bis ganz nach hinten ging das sicher nicht auf. Mittels zwischen produziert und live changierenden Video-Einblendungen (von Marlene Blumert) wurden die Akteure manchmal ganz groß gezeigt, Gesichter über die ganze Bühnenhöhe, und immer wieder wurden Stillleben der Tafel eingeblendet. Stillleben mit Störeffekten, denn stets kroch irgendwo eine lebende Schnecke übers Tableau. Verfall, Dekadenz.

Ist „Xerxes“ nun eigentlich eine komische Oper?

So üppig die Tafel, so verschwenderisch das musikalische Füllhorn, das der Dirigent Constantinos Carydis mit dem für das Barocke längst bestens geeigneten Opernorchester ausschüttete. Dieser Händel klang extrem abwechslungsreich, oft perkussiv aufgrund der Lauten und Gitarren, aber auch der Rassel-, Trommel- und Triangelinstrumente, die Carydis nicht nur bei motorisch-schnellen Nummern mitmachen ließ. Eine sanft klopfende Kastagnette zur ruhigen Lamento-Arie, warum nicht? Ein Griff in den Cembalo-Resonanzkörper für einen Schnarr-Effekt, nur zu.

Die Musiker nahmen sich alle Freiheiten und gingen gekonnt damit um. „Xerxes“ nur nach Noten, das würde sich etwas ziehen.

Dass Xerxes hier kein König ist und statt Schwert nur die Opern-obligatorische kleine Pistole mit sich führt: Geschenkt. Ein Machtmensch aber sollte er schon sein, ein Despot, zum Fürchten. Doch wie soll man Angst bekommen vor einer Stimme wie der von Gaëlle Arquez? Die französische Mezzosopranistin sang bestechend schön, temperamentvoll, furios – aber nie böse. Die Gesellschaft kuschte dennoch vor ihr, und das stimmlich auf ganz hohem Niveau. Der Countertenor Lawrence Zazzo, ausgestattet mit der größten Barock-Erfahrung in diesem Ensemble, zeigte seine Stärken in den organischen Verzierungen, da hatte er einfach die Kernkompetenz. Elizabeth Sutphen, Sopranistin aus dem Frankfurter Opernstudio, hatte die Opferrolle inne und füllte diese mit viel angenehmer Süße aus. Louise Alder konnte da deutlich mehr Nuancen zeigen und zudem Spitzentöne von herrlicher Klarheit. Brandon Cedel und Thomas Faulkner steuerten gute Tiefe bei, während Tanja Ariane Baumgartner ihren Mezzosopran zwar gestalterisch intensiv, aber nicht eben homogen in den Koloraturen präsentierte.

Nachbemerkung eins: Ist Händels „Xerxes“ nun eigentlich eine komische Oper, wie es immer heißt? Wegen der merkwürdigen „Ombra mai fu“-Arie, mit der der König einem Baum ein Liebesständchen bringt? Nun, das wird hier nicht ganz deutlich. Mal schunkelt das Ensemble, mal wird etwas gealbert. Aber komisch? Wahrscheinlich liegt die Komik vor allem darin, dass die Handlung noch grotesker, verwirrender, unsinniger ist als in anderen Barockopern. So grotesk, dass sie eigentlich gar keine Rolle spielt.

Nachbemerkung zwei: Ein physikalisches Grundgesetz besagt, dass keine bessere Idee nachkommt, wenn ein erstes Bühnenbild gründlich auserzählt ist. Zwei Akte, also rund 110 Minuten Bankettverwüstung – da blieb für den dritten Akt nur noch der Kater. Im Glaskasten, der als Raucherkabine für die Gesellschaft diente, steht die angebetete Platane nun entblättert. Und erinnert an Welteschen in „Ring“-Inszenierungen, die auch immer irgendwie ins Bild müssen.

Nachbemerkung drei: „Ombra mai fu“, die berühmte Auftrittsarie des Xerxes, wurde aus der vierten Reihe heraus komplett verhustet bei der Premiere. Danach tröpfelnder Applaus. Das war dann doch komisch.

Oper Frankfurt: 12., 15., 18., 21., 26., 29. Januar. www.oper-frankfurt.de

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