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„Wut“ in Darmstadt Kaninchen ist noch nicht fertig

Das Staatstheater Darmstadt bleibt gegen Elfriede Jelineks „Wut“ recht unverbindlich, ein Stück, das im Nachgang zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“ entstand.

Im Film: Maria Radomski, vor der Leinwand Mathias Znidarec. Foto: Rolf K. Wegst

Die Wucht von Elfriede Jelineks „Wut“ liegt in der Jelinekschen Kombination aus haltloser Tirade und Wortgewandtheit. 120 Seiten lang Schaum vor dem Mund zu haben, hindert ihr Kollektiv nicht daran, Kalauer am Rand des Redeflusses mitzunehmen. Dass sich darin zwangsläufig der Genuss am gekonnten Umgang mit Sprache ausdrückt, ist beunruhigend, hinsichtlich der Sprechenden aber auch irreal. Geistige Tiefebene wird gewissermaßen eben doch in Literatur transformiert, aber nicht zur Aufwertung, sondern zur Bloßstellung. In „Wut“ funktioniert das gut, einem Text, der im Nachgang zu den Anschlägen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris Anfang 2015 entstand.

Man hört vor allem Islamisten rechten, deren gewalttätige und exklusive Grundhaltung sich nicht im engeren Sinne von rechtsextremen Denkketten unterscheidet. Aber auch die aus wohl allen gesellschaftlichen Bezirken stammenden Kommentatoren, diese durch lustige Pseudonyme gut geschützten Mitplapperer des Internetzeitalters, mischen mit. Ein maßloser Antisemitismus bricht sich unter anderem Bahn und lässt sich auf keine der vielleicht mitquatschenden Gruppen beschränken. Ferner geht es um Gott und die Welt, Väter und Familienangelegenheiten überhaupt. Vieles wiederholt sich – mit Absicht, versteht sich –, dreht sich im Kreis, unbeherrscht die Gedanken, beherrscht die Sprache, beschränkt die Gedanken, uferlos die Sprache.

Weit über drei Stunden dauerte im Frühjahr die kunterbunte Uraufführung an den Kammerspielen in München – als Gastspiel am 22. und 23. Oktober auch am Schauspiel Frankfurt zu sehen. Knapp zwei pausenlose Stunden Text haben Regisseur und Ausstatter Marcus Lobbes und Dramaturgin Julia Figdor für die Inszenierung am Staatstheater Darmstadt herausgesägt. Lobbes’ Umgang damit ist zuerst reizvoll, dann zeigt sich nach und nach eine Ertraglosigkeit. Der Abend setzt nicht auf Stemann-Turbulenzen, aber doch auf schräge Bilder, weit entfernt von der nicht vorhandenen Handlung, sagen wir also besser: von den Sprechern, die Jelinek oder ihren Lesern vorschweben könnten.

Karin Klein, Maria Radomski, Jana Zöll und Mathias Znidarec werden mithilfe einer papierenen Leinwand gedoppelt. Über weite Strecken läuft dort ein Film ab, der Klein als bräutliche Dame, Zöll als Blaukäppchen, Radomski als Kaninchen und Znidarec als Mann in Schwarz an diversen Darmstädter Orten zeigt. Der Text wird von verschiedenen Stellen im Saal eingesprochen, manchmal spricht nicht der, der zu sehen ist, manchmal holpern mehrere durch dieselbe Passage oder wechseln sich in einem Atemzug ab. Es gibt Stellen mit und ohne Mikrofon. Der Zuhörer – und man ist hier bald mehr Zuhörer als Zuschauer – soll irritiert werden. Exaktheit war hoffentlich kein Ziel, ein Uhrwerk zeigt sich nicht.

Die echten Klein, Radomski, Zöll und Znidarec bewegen sich vor und – als Schattenrisse – hinter der Leinwand oder bahnen sich Wege durch das Publikum. Die Absicht transportiert sich: Jeder kann hier reden, durch Darmstadt weht die schlimme Tirade, die Sprache selbst soll die Wucht sein, so unverbindlich wie möglich vorgetragen. Als sich die Absicht transportiert hat, geht es noch lange anderthalb Stunden so weiter. Auch das allmähliche Zerstören der Leinwand ist dann eher Zeitvertreib oder der bloße Versuch, noch etwas zu bieten.

Staatstheater Darmstadt, Kammerspiele: 9., 23. Oktober. www.staatstheater-darmstadt.de

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