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Wiesbaden "Leonce und Lena" Leonce und Leonce

Ein aufgewärmter, aber trotzdem feiner Büchner-Abend am Staatstheater Wiesbaden: Jan Philipp Gloger stellt "Leonce und Lena" als Duett vor. Aber eigentlich ist alleine Leonce auf der Bühne.

"Leonce und Lena" am Staatstheater Wiesbaden: Tjark Bernau und Judith Bohle richten sich im L ein. Foto: Sven-Helge Czichy

Übernahmen älterer Produktionen aus anderen Städten sind nicht dazu geeignet, die Handschrift eines Theaters und seiner neuen Leitung zu schärfen. Heute geht es aber auch darum, den Spielplan ökonomisch und trotz allem zu füllen, auch trotzdem möglichst stark. „Leonce und Lena. Ein Fluchtversuch nach Georg Büchner“ ist, wie im aktuellen Programm des Wiesbadener Staatstheaters auch „La Boheme“, schon in Augsburg zu sehen gewesen, 2012. Regisseur Jan Philipp Gloger hat seine Inszenierung wieder aufgefrischt, und sie ist es wert.

Gespielt wird zu zweit, in Wiesbaden nun Tjark Bernau und Judith Bohle. Aber im Grunde genommen bleibt Leonce unter sich. Auf diesem reizvollen, mit Büchners Stück wahrlich zutiefst verknüpften dramaturgischen Trick basieren die knapp 90 Minuten: Leonce ist ganz allein, vertreibt sich mit sich selbst die Zeit. Sein närrisch gescheiter Begleiter und fauler Diener Valerio spaltet sich bloß kurz von ihm ab (knallrote Clownsnase), ebenso die liebliche Tänzerin Rosetta (Bernau in langen weißen Strumpfhosen) und schließlich Lena: Bohle, eben noch wie Bernau mit Schnurrbärtchen und im dezenten, schwarz-weißen Büchner-Zeit-Aufzug, ist jetzt eine verwirrte und ratlose Braut.

Verwirrt und ratlos im Stück, aber auch, dramaturgisch geschickt, zusätzlich verwirrt und ratlos, weil sie ja eben noch gar nicht existent war. Im höchsten Liebesglück der nur mittels eines aufwendigen Tricks gelungenen Hochzeit ist der Schnurrbart auf einmal wieder da. Leonce ist hereingelegt worden, von seinem eigenen, ein Glück zu zweit ihm vorspiegelnden Traum.

Ausstatterin Judith Oswald hat große L-e-o-n-c-e-Buchstaben-Umrisse bauen lassen, in denen Bohle und Bernau herumklettern können. Das machen sie flink und elastisch, lungern im L, legen sich ins O, pressen sich ins C, kommen sich näher auf dem N. Auch will Bernau sich vom E stürzen, dass einem schon ganz blümerant wird. Aber dann ist ihm selbst das glücklicherweise zu langweilig.

Aus "LEONCE" lässt sich auch ein "NO" bauen

Zwischendurch verschieben sie die Buchstaben, so dass nun ein „NO“ zu lesen ist. Protest als Zeitvertreib, aber auch: Melancholie, Depression, Ausgelaugtheit vor der Zeit und das müde Gesicht unter den lockigen Haaren, über das sich Lena nachher wundern wird.

Bernau und Bohle, die sich auf eine hier clowneske, aber nicht banale Weise überhaupt nicht ähnlich sehen und trotzdem ähnlich sind, zeigen einen bleichen, geistig quietschvergnügten jungen Mann. Und doch ist er wie an den Boden geheftetet. Seine Lebhaftigkeit und Langeweile erinnert an einen Hamlet, der noch keinen schlimmen Verdacht und noch keine Geistervisionen hat.

Der gut zusammengeschnittene Text wird um kleine Auszüge zum den privaten Briefeschreiber Büchner ergänzt. Büchner ist Leonce, das hätte man uns nicht unbedingt eigens erklären müssen, aber sicher ist sicher.

Jan Philipp Glogers „Leonce und Lena“ ist seinerseits natürlich ein sehr ökonomischer Abend. Da er gelingt, lässt er opulente Großproduktionen der Märchenwelt des Königreiches Popo so ärmlich wirken, dass man es als Theater fast mit der Angst bekommen müsste.

Staatstheater Wiesbaden, Wartburg: 6. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

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