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Wiesbaden Die Relativitätspraxis der Gerechtigkeit

Shakespeares „Maß für Maß“, kompakt, schillernd und quicklebendig am Staatstheater Wiesbaden.

Maß für Maß
Für Mariana, Sybille Weiser, geht es gut aus. Tobias Lutze als Wächter gibt ihr zusätzlichen Halt. Foto: Karl & Monika Forster

Von befleckter Unschuld und unbefleckter Schuld, von der Schande der Ungerechtigkeit und vom Schrecken der Gerechtigkeit, von der Relativität aller vielbeschworenen Notwendig- und auch Alternativlosigkeiten handelt William Shakespeares Schauspiel „Maß für Maß“ und hat 413 Jahre nach seiner Entstehung wenig von seiner Spitzfindigkeit eingebüßt. Trotz mitschwingender So-machen’s-alle-Resignation ist es relevant und informativ für Politiker und Bevölkerung, geeignet fürs Wochenende des türkischen Referendums (wie viel Befugnis soll ein Herrscher haben?) und fürs Osterfest (was ist das Ziel und wie gelangt man dahin?).

Nun handelt es sich bei „Maß für Maß“ auch um eine merkwürdige Art von Komödie, da es nicht gerade zum Schießen ist, wenn ein Paragrafenhengst eine Diktatur errichtet, ein harmloser Mann vor der Hinrichtung steht, seine Schwester aufs Übelste erpresst wird und der rechtmäßige Herrscher zuschaut wie der liebe Gott. Nur dass er am Ende doch noch etwas unternimmt und ein so genanntes Happyend erzwingt.

Das so genannte Happyend von „Maß für Maß“ ist dergestalt, dass es Inszenierungen gibt, in denen es am Ende alle graust. Im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden, in der kondensierten, eher heiteren, aber intelligenten Lesart von Jan Philipp Gloger ist der Schluss so schillernd und ambivalent wie die vorangegangenen zwei Stunden. Will Isabella wirklich lieber ins Kloster als den alten, aber mächtigen Vincentio zu heiraten? Kann Angelo Mariana wirklich nicht leiden? Wer wird schon immer schlau aus sich und seinen Gefühlen.

Glogers Inszenierung in Thomas Braschs kein Blatt vor den Mund nehmender Übersetzung – eine hier noch weiter angespitzte, auch ausgereizte Eigenschaft – ist extrem kompakt. Vom Personal blieb lediglich der für den Verlauf überlebensnotwendige Kern übrig, die wirkungsvolle Die-Welt-ist-ein-Tisch-Bühne von Franziska Bornkamm begnügt sich mit wenig, aber kompakt heißt diesmal eben nicht eng. Regie und Schauspieler sind vielmehr in Fahrt und kommen es im Laufe des Abends noch mehr.

Diverse Tische bilden zusammen einen langen Tisch auf einer angeschrägten schwarzen Spielfläche. Der lange Tisch ist mit Utensilien übersät, die Jungherrscher Angelo – der rasch aus dem Blick verliert, dass er nur der Stellvertreter ist – nachher selbst verwüsten und von den Untertanen neu sortieren lassen wird. Ein Staatswesen besteht auch daraus, mit Krimskrams so oder so umzugehen.

Am Anfang herrscht aber erst einmal abrupt tiefe Dunkelheit, in der Menschen herumschreien. Chaotisch, muss man wohl folgern, sieht es in der Seele des Staatswesens aus, als aber das Licht angeht, spricht nur der Fürst in die Ruhe hinein. Alle sitzen still am Tisch und gehen ihren undramatischen Tätigkeiten nach. Die Umgebung erlaubt eine für Shakespeare fast immer geeignete unwirkliche, dabei unaufwendige Ausgangssituation, die jetzt mit Leben gefüllt wird. Man schaut einander beim Spielen zu, Blicke schweifen bedeutungsvoll, die Darsteller sind witzig, reagibel und Glogers Sympathien scheinen sie zu begleiten, ohne die Umstände zu beschönigen.

Es ist jedoch unmöglich, Janning Kahnert als Statthalter ernsthaft zu verabscheuen, einen Lächler mit offenem Visier und aus dem Ruder gelaufener Triebsteuerung. Sein Rechten mit der zu fast allem entschlossenen Isabella, Karoline Reinke, ist ein Gefecht von hinreißender Zärtlichkeit und Komik. Reinke, ein tapferer Zinnsoldat in den männlichen Gefühlswogen, wird von dem Tunichtgut Lucio souffliert und ermuntert, Michael Birnbaum als unmöglicher, losgelassener Mensch und sagenhafter Alleinunterhalter. Er ist ein Idiot, aber man lacht sich ernsthaft kaputt. Sein Pendant ist Sybille Weiser als schnoddrige und tüchtig unzüchtige Kupplerin, ein Komikerduo mit Haarmopp.

Isabellas Bruder wiederum, Maximilian Pulst als Claudio, ist der, der mit Brechtscher Dringlichkeit nicht am nächsten Tag sterben will. Shakespeare-Kontraste treffen krass und dabei elegant aufeinander – wenn es beispielsweise nicht nur keine Rolle spielt, sondern sogar sinnig wirkt, wie Weiser flugs auch zur einst von Angelo sitzengelassenen Mariana wird, Gegenstück, andere Seite der Kupplerin.

Gloger lässt im Finale auch Shakespeares Verwandlungszauber wunderbar ausspielen, geradezu aufleuchten. Ist es der Bruder, ist es ein Mann, der aussieht, wie der Bruder, macht das überhaupt einen Unterschied? Die Musik von Kostia Rapoport ist hilfreich, um Schrecken und Glück zu unterstützen, ohne je den ersten Platz zu fordern. A cappella wird sehr schön Bachs „Komm, o Tod“ intoniert. Atmosphäre, Andeutung und Argument treffen ständig aufeinander.

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