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Wiesbaden „Die Fledermaus“ Die Hose runterlassen

Batman, schwer angeschlagen, robbt sich Richtung Wilhelmstraße. Das Staatstheater Wiesbaden eröffnet die Musiktheatersaison mit einer fröhlichen Boulevard-„Fledermaus“.

Potzblitz: Fröhliche Turbulenzen im Hause Eisenstein. Foto: Karl & Monika Forster

Musikalisch wird einem eine solche „Fledermaus“ selten gegönnt. Ein echter Star ist das Dienstmädchen Adele bei der ganz anderen Rollen gewachsenen Koloratursopranistin Gloria Rehm und muss selbstverständlich am Ende Künstlerin werden. Aaron Cawley prahlt als Tenor Alfred, Peter Bording und Netta Or sind fitte Eisensteins, Romina Boscolo ist kein fistelnder, sondern ein im Wohllaut der Partie tiefgründelnder Prinz Orlofsky.

Michael Helmrath dirigiert einen entspannten, aber exakten, süffigen, aber feinsinnigen Johann Strauss. Enorm quick auch wieder die Sänger als Darsteller, und wenn es nur die beachtliche Übers-Sofa-Rolle des Gefängnisdirektors Frank ist, die Stephanos Tsirakoglou einen verdienten Szenenbeifall bringt.

Denn auch die Stimmung ist gut und das Bühnenbild von Dieter Richter, ein Wohnzimmer von heute, funktionstüchtig, vor allem in der Ballnachtszene, wenn es sich mithilfe von Projektionen nach hinten beträchtlich erweitert. Der Chor, optisch aufgepufft, bewegt sich gekonnt, das Ballett tanzt unpeinlich, und die Sektgläser, die im Parkett verteilt werden, sind zum Teil willkommen.

Warum ist es also keine ganz große „Fledermaus“, mit der das Staatstheater Wiesbaden (unorthodoxer-, auch programmatischerweise) in die Musiktheatersaison geht? Weil sich die Regie von Gabriele Rech damit dann auch begnügt. Das ist ein Standpunkt. Rech zeigt ein vergnügtes Boulevard, bei dem es nicht erst ein rauschendes Fest braucht, um die Hosen runterzulassen, fremde Pos anzufassen und sich freizügigen Späßen hinzugeben.

Man stolpert über Staubsauger sowie übereinander und erbricht sich in ein durchsichtiges Gefäß, das fortan als Gruselgraus auf der Bühne hin- und hergereicht wird. Einfach nur aus Spaß am entblößten Männerbein im Damenschuh (Kostüme: Susanne Füller) muss der alerte Erik Biegel als Dr. Blind über weite Strecken als Lampe getarnt mit auf der Bühne herumstehen. Oder sich wie von ungefähr einmal quer über den Herrn von Eisenstein werfen.

Das ist handwerklich gut gemacht, Auf- und Abgänge sind elegant, selbst der Umbau zum Ball hin, wenn die Tänzer sich quasi im Eisensteinschen Salon ausbreiten, damit es nachher zügig vonstatten gehen kann. Schräge Vögel sind das, wie überhaupt Travestien in allen Richtungen neben dem fröhlichen Gegrapsche als Gipfel der Frivolität und des lustigen Lebens herhalten müssen. Das stimmt vielleicht. Irgendwie hört man aber etwas anderes. Es ist einerseits subtiler, andererseits mehr.

Zur Ouvertüre sieht man, schön in die Musik eingepasst, einen Film, der die Vorgeschichte zusammenfasst. Dr. Falke, Benjamin Russell, erwacht, noch als Batman verkleidet, verkatert im Kurpark. Er robbt Richtung Wilhelmstraße, erbricht sich – ja, dieser Witz kommt öfter vor – in einen der Springbrunnen auf dem Bowling Green. In Wiesbaden ist er sozusagen zu angeschlagen, um sich zu schämen – obwohl die Blamage der Fledermaus ja der Auslöser für alles ist.

Sonderbar vielleicht, dass Rech ihn nachher eine recht ernste Partie Russisch Roulette mit sich selbst spielen lässt. Hat die Regisseurin doch ein Problem mit der Geschichte? Frosch jedenfalls, Lutz van der Horst, weigert sich, Frosch zu sein und serviert lieber etwas Durchschnittskabarett.

Nicht verschwiegen werden soll, dass selbst der Fischverkäufer am Samstag bekannte, sich sehr amüsiert zu haben. Das ist in diesem Fall überhaupt kein geringzuschätzendes Lob. Trotzdem wurde uns mehr versprochen. Die Musik hat’s verschuldet.

Staatstheater Wiesbaden: 21., 24. September, 1., 7., 13., 26. Oktober. www.staatstheater-wiesbaden.de

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